Laut polterndes Glück

- Er ist ein König im Elend. Der aus Troja zurückkehrende "Idomeneo, Re di Creta" landet als traumatisierter, gebrochener Held an heimischen Gefilden. Mit lila Mantel und silberner (Papp-)Krone wird nicht die Königswürde wieder hergestellt, vielmehr die Passions-Assoziation verstärkt. Willy Decker will es so. Er inszenierte jetzt Mozarts 1781 für den Münchner Fasching komponierte Oper bei der Wiener Geburtstagsfeier für das Salzburger Genie.

Premiere war am Theater an der Wien. Jenem Haus, das Schikaneder mit dem Erlös der "Zauberflöte" 1801 erbaute und das nun (nach unterschiedlicher Verwendung) als Opernhaus wiedereröffnet wurde. Allerdings nicht, wie geplant: Denn Dirigent Seiji Ozawa und Regisseur Willy Decker hatten sich knapp zwei Wochen vor der Premiere schon von der Produktion verabschiedet - aus Krankheitsgründen.

Peter Schneider rettete am Pult des Wiener Staatsopern-Orchesters als solider, zupackender Handwerker über manche instrumentalen Schlampereien hinweg, die die trockene Akustik des Hauses schonungslos offenbarte. Er ließ den dramatischen Furor und den sanften Lyrismus spüren, zwischen die Mozart seine erste Opera seria spannt, deren formale Starre er mit jugendlich-kühnem Schwung, schöpferischem Reichtum und früher Meisterschaft aufbricht zugunsten der Menschen, um die es ihm auch hier schon geht.

Willy Decker, dessen Assistentin Karin Voykowitsch seine Arbeit fortführte, und Ausstatter John Macfarlane verlegen das Kammerspiel ins Halbrund einer bühnenbeherrschenden, steilen Arena-Treppe, auf der das seelische Auf und Ab der Protagonisten zwar seine Entsprechung findet und ständig Bewegung möglich ist. Doch der Treppen-Effekt nutzt sich rasch ab. Übrig bleiben ein paar imponierende Bilder, an denen der Chor als glatzköpfiges Kollektiv entscheidenden Anteil hat. Der vorzügliche, jugendfrische Wiener Schönberg Chor agiert musikalisch lebendig, szenisch engagiert. Er hebt den Heimkehrer Idomeneo noch einmal auf den Thron; er umdrängt ihn bei seiner großen Arie "Fuor del mar" mit spiegelnden Schilden, in denen sich hernach die vermeintlich siegreiche Elettra zum "Idol mio" selbstverliebt betrachtet.

Beim Abschiedsterzett signalisieren blaue Schilde Meer und Ferne, bevor das grollende Ungetüm alles niederschmettert. Und über allem wacht das Auge des Meeresgottes Neptun, dessen Maske das Volk schließlich aus Trümmern auf den Stufen zusammenbaut. Weiße Möwen, die beim innigen Liebesduett den Vorhang zieren, in den sich Ilia und Idamante Schutz suchend hüllen, liegen schon im nächsten Bild als tote Vögel auf der Szene. Zwischen diesen plakativen Bildern absolvieren die Sänger ihr auf Dauer eintöniges Treppenpensum: laufend, liegend, kauernd, stolpernd, Halt suchend. Finden müssten sie ihn in der Musik, was leider am Premierenabend nur bedingt gelang.

Neil Shicoff ist kein Mozartsänger. Dennoch wagte er sich - und das auch noch zu spät - an die schwierige Partie des Idomeneo, die heldischen Glanz mit virtuoser Geläufigkeit paart. Auch wenn er offenbar die leicht Koloratur-bereinigte Fassung singen durfte, entsprach er vokal allzu sehr dem psychischen Wrack, das er entwicklungslos verkörpern musste. Naturgemäß sahnte die ihre Seria-Affekte furios austobende Elettra am meisten ab. Barbara Frittoli wütete in wilden Sprüngen, durfte sich im dritten Akt sogar zu Bruder Orest in den Hades wünschen und sich dabei die Pulsadern aufschneiden. Gottlob traf sie auch den innigen Ton und die weiche Phrasierung und erfüllte so rundum die Partie, der Mozart auch zarte Seelenregungen gönnt. Ganz in diesen aufgehen dürfen Ilia und Idamante.

Genia Kühmeiers Sopran klang in der eröffnenden Arie "Padre, germani, addio!" noch arg fest, ließ Schmelz und Süße vermissen, die sie, im dritten Akt befreiter, nachreichte. Angelika Kirchschlagers in Spiel und Gesang äußerst sensibel gestaltetem Idamante hätten gleichwohl etwas mehr Kraft und etwas weniger Vibrato gut getan.

Von Beginn seiner Inszenierung an forciert Willy Decker Mozarts Happy-End des antiken Dramas symbolschwer und mit Gepolter: Dreimal fällt dem desolaten König die Axt, mit der er den Sohn opfern soll, aus der Hand. Und am Schluss dämmert gar im abrupt gekürzten Chorsatz die Demokratie herauf: eine Vision - überstrapaziert wie die Treppe.

www.theater-wien.at

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