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Im Schmoll-Weibchen steckt eine Emanze und in der Liebenden die Berechnende: Xenia Tiling zeigt Karoline facettenreich. Hier eine Szene mit Robert Joseph Bartl als Rauch (im Hintergrund Ursula Maria Burkhart, li., und Constanze Wächter).

Premierenkritik

Lauter arme Teufel

München - Hakan Savaş Mican inszenierte am Münchner Volkstheater Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Die Premierenkritik:

So wenig Oktoberfest war nie. Millionen von Besuchern reißen sich um die Wiesn. Fotos und Filme darüber gibt es nicht wenige. Aber wenn es um die Inszenierung von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“, dem Oktoberfest-Stück schlechthin (1932 in Leipzig uraufgeführt), geht, ducken sich in letzter Zeit die Regisseur weg von dem Mega-Feier-Phänomen. Selbst dem Münchner Volkstheater passiert das: Der Berliner Hakan Savaş Mican, der sich heuer schon bei „Radikal jung“ den Münchnern mit „Schwimmen lernen“ vorgestellt hatte, verdünnte, wie Frank Castorf am Residenztheater, das Wiesn-Getümmel auf eine homöopathische Dosis. In solch asketischer Form hatte das Drama am Freitagabend Premiere (knapp zwei Stunden).

Horváth (1901–1938) hat sein „Volksstück“ hingegen sehr wohl als barockes Menschheits-Gemälde angelegt, einer Menschheit, die eingezwängt ist zwischen Kapitalismus und Klischee. Für beides ist das Oktoberfest ein knallig treffendes Sinnbild; und mit den Musiken zwischen Marsch und „Mailüfterl“ lässt der Schriftsteller den gesellschaftlichen Schmierstoff namens Sentimentalität ironisch glitzern. Auch diese Klänge kappte Mican und ersetzte sie durch Kompositionen des Dachauer Musikers Enik, der dem Publikum als Clown aufspielte. Seine Musik ist nostalgisch-charmant wie eine alte, ein bissl ramponierte Kommode. Aber die latente Aggressivität jeglicher Oktoberfest-Musik fehlt.

Genauso dämpfte der Regisseur die ständig lauernde Gewalttätigkeit, von der „Kasimir und Karoline“ permanent erzählt, bis zur Unfühlbarkeit. Ödön von Horváth zeigt jedoch in seiner kühlen Komödie, die an die boshaften Versuchsanordnungen eines Marivaux (etwa „Das Spiel von Liebe und Zufall“) oder Mozart („Cosí fan tutte“) erinnert, den Menschen als armen Teufel, der teuflisch die anderen armen Teufel misshandelt – egal ob Firmenchef, Ausrufer des „Abnormitäten“-Kabinetts, ob Angestellte, Arbeitsloser oder Einbrecher. Bei Mican blieben nur die armen Seelen, und die notdürftig verabreichte Komik erwies sich als matt und blöd.

Zum Teil aufgefangen wurde diese Biederkeit von den Frauen des Teams. Sylvia Rieger baute eine vorne und hinten begehbare Rampe aus Tritt-/Sitzbrettern auf die Bühne, auf der alle Schauspieler stets präsent waren: Niemand kann sich ganz verstecken, niemand ist geschützt, niemand kann sich wirklich sicher bewegen. In diese strukturelle Klarheit platzierte Miriam Marto mit ihren Kostümen sowohl eine historische Einordnung (Zwanzigerjahre) als auch knallige Akzente: Die Männer bleiben sozusagen im Rahmen, die Frauen dürfen eher ausflippen. Schön dabei die Liebe zu (Wiesn-)Details wie der Halskette aus Brause-Ringerl, die man nach und nach abknabbern kann.

Ähnlich war die darstellerische Verteilung. Jean-Luc Bubert gab sich als gerade arbeitslos gewordener Kasimir trotz sympathischer Innerlichkeit zu blass. Noch schlimmer war das bei Pascal Riedel als Merkl Franz, eine Rolle, die eigentlich für jeden Schauspieler ein gefundenes Fressen ist. Mehr Farben verschaffte Oliver Möller seinem so klugen wie opportunistischen Schürzinger. Robert Joseph Bartl und Michael Tregor als die Großkopferten Rauch und Speer wurden ebenfalls von der Regie alleine gelassen.

Das nutzten – zu Recht – Ursula Maria Burkhart und Constanze Wächter als lebenserfahrene Großstadtpflanzen Maria und Elli, um schrille Ausrufungszeichen zu setzen. Dafür boten die Kolleginnen Xenia Tiling und Mara Widmann fein schattierte Frauenporträts. Für sie lohnt es sich, die Vorstellung zu besuchen. Tiling ist als Karoline – ein Mensch. Der hat so viele Facetten wie Widersprüche. Die Künstlerin machte glaubhaft, dass im Schmoll-Weibchen die Emanze steckt und in der Liebenden die Berechnende. Und sie ließ ihrer Figur stets noch ein Geheimnis. Genauso erkämpfte Widmann ihrer Erna, die vom Merkl fies behandelt wird, eine tiefe Lebenswahrheit. Dort kann sich die Suche nach politischem Fortschritt durchaus mit Sehnsucht nach Liebe und giftigem Weibergewäsch treffen.

Horváths Werke sind sehr schwer zu inszenieren. Hakan Savaş Mican ist daran gescheitert, aber auf einem Niveau, das noch relativ viel von diesem tiefgründigen Stück „Kasimir und Karoline“ erkennbar ließ. Selbst das wunderbare Münchnerisch, für das der Dramatiker ein erstaunlich nuancensicheres Ohr hatte, überlebte einigermaßen, obwohl nur ein Bruchteil der Schauspieler Bairisch beherrscht. Freundlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

am 5., 6. und 18. Dezember; Telefon 089/ 523 46 55.

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