Lauter nackerte Weiber schau'n

- München - Ein bisschen unheimlich ist einem schon. Die Augenpartie ist frappierend ähnlich. Die der gemalten, ungeheuerlichen Frau, die einst für Aufsehen sorgte, und die der Urenkelin des großen Malerfürsten. Regina Heilmann-Thon steht so ganz selbstverständlich neben der verruchten "Sünde" von Franz von Stuck, während ihre Schwester Claudia Wanner fundiert und lachend die einstige Skandalwirkung des Gemäldes schildert.

<P>Man kann den Blick nicht lassen, ist begeistert und ein wenig beschämt zugleich. Begeistert, weil man sieht, dass ein kleines Stück Stuck tatsächlich lebt. Beschämt, weil man merkt: Hier hat sich mehr vererbt. Eine natürliche Selbstverständlichkeit, die eigentlich keines Nachfragens bedarf. Regina Heilmann-Thon und Claudia Wanner sind also die Urenkelinnen des begnadeten Münchner Malers der Prinzregentenzeit, mit richtigem Blick, geübtem Auge. Auch das hat sich vererbt.<BR><BR>Claudia Wanners Beruf ist es, Menschen geschult zu beobachten, psychologisch zu betreuen - und den immensen Nachlass des Urgroßvaters zu verwalten. Früher habe dies die Mutter, eine Kunsthistorikerin, getan. Heute sorge sie für die Erhaltung eines Netzwerks, für die Organisation von Ausstellungen im niederbayerischen Tettenweis, dem Geburtsort des Malers, oder eben hier, in der Villa Stuck, in Zusammenarbeit mit dem Museum anlässlich der aktuellen Schau "Franz von Stuck. Die Kunst der Verführung". Wie dies wohl ist, inmitten von Gemälden und Möbeln aufzuwachsen, die nun in einem Museum präsentiert werden? "Nicht wirklich ungewohnt", bekennt Claudia Wanner verschmitzt, "vielleicht sogar zu selbstverständlich".<BR><BR>Zum Beispiel der rote Armlehnstuhl, der als ein Prunkstück der Ausstellung im Erdgeschoss der Galerie steht - vor einem Gemälde, auf dem Stuck jenen Stuhl künstlerisch verewigt hat. Bis zum Zeitpunkt der Ausstellung befand sich das kostbare Möbel im eigenen Heim der Urenkelin. "Und nun habe ich, wie ich's zu Hause immer mach', auch hier im Museum meinen Mantel rübergeschmissen. Zum Entsetzen der Direktorin. Die hat dann meine Garderobe hinter mir hergetragen." Normalität ist das Stichwort, das beide Urenkelinnen bekräftigen, respektvolle Normalität. Man habe nie die Gegenstände als ausschließliche Objekte eines berühmten Mannes gefeiert und geschont, sondern mit ihnen und darin leben dürfen.<BR><BR>"Geht"s zum Wolferl", hatte seinerzeit die Dorfjugend von Tettenweis aufgeregt getuschelt, zum "Wolferl", dem Bruder der beiden Frauen, "da kannt's lauter nackerte Weiber schau'n". Für die einen waren die offenherzigen Jugendstilgemälde etwas Spannendes, an dem man sich kaum vorbeizugehen traute, für die anderen hingen die Bilder halt im Flur, dem Wohnzimmer oder neben dem Kellerabgang. Natürlich habe man manches zelebriert. </P><P>Bei der Großmutter, die ja die Stuck-Villa noch bewohnte, gab es ein Badezimmer, so erinnern sich die Schwestern. Dort wurde, zeitgemäß formuliert, "Wellness" betrieben. Hier gab es ein Sofa, einen Paravent, Porzellanschüsseln und Gemälde, natürlich. "Dass hier jemandem die Füße geschrubbt wurden, so ganz profan, das konnte man sich nicht vorstellen", ergänzt Regina Heilmann-Thon, "Stuckness" vielleicht - und lacht.<BR><BR>Ob man nicht manchmal doch in die Haut des großen Malers schlüpfen wollte? "Höchstens in den Frack, der auf dem Speicher lag, und der passte auch noch wie angegossen", erklärt Claudia Wanner, 1,83 Meter groß, und zeigt auf den Maler im Frack auf seinem Ölgemälde "Franz und Mary Stuck im Atelier". Beide Urenkelinnen legen großen Wert darauf zu vermitteln, wie sie ihren Urgroßvater beschrieben bekamen. Als einen Mann, der mit beiden Beinen auf dem Boden blieb, und nicht so sehr als Malerfürsten. Heilmann-Thon und Wanner: "Es gab eine Zweiteilung im Hause Stuck in ,Repräsentation" mit Musik- und Empfangssalon und in die ,Privatsphäre" dahinter, das Speise- und Wohnzimmer, wo Stuck er selbst sein durfte: Ein eher stiller und ruhiger Mann."<BR><BR>Ruhiges, Bescheidenes - auch das hat sich vererbt: Regina Heilmann-Thon ist Spezialistin für Einrahmungen. Sie hat Handwerk und das durch das künstlerische Umfeld geübte Auge zur Profession gemacht. So erklärt sie, wie unmöglich es sei, Stucks Gemälde ohne seine eigenen Rahmen zu denken. Rahmen, die wie der des Gemäldes "Amazone und Kentaur" den Steincharakter im Bild in der Lasur des Rahmens wieder aufnehme. </P><P>Und während sie die Tönungen beschreibt, vom Vergolden, dem "Eierstabmuster" und "Ochsenaugen-Elementen" spricht, deutet ihre Schwester flüsternd auf eine Landschaft, deren nachentwickelte Rahmung unter der fachkundigen Hand der Urenkelin entstanden ist. Der Eindruck trügt nicht: Auch ihr gelten die Worte ihres Ahnen: "Wenn ich reden wollte, dann hätte ich nicht gemalt". <BR></P>

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