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Ein starkes Trio, um das sich andere Theater reißen müssten (v.li.): Elsa Benoit als Adèle, Marzia Marzo als Isolier und Matthew Grills als Ory.

„Le Comte Ory“

Konzept wurscht, Hauptsache nett

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München - Marcus H. Rosenmüllers „Le Comte Ory“ fürs Opernstudio - lesen Sie hier die Kritik.

Die Stimmung? „Suppa“ war die, wie er es wohl selbst formuliert hätte. Man schau’ ihn sich nur an, so, wie der Rosi lächelnd durchs Foyer läuft und schon in der Pause geherzt wird. Man nehme aber auch die Jung-Solisten, die von Rampenhemmung und Stereotypen weitgehend befreit ins zweitkrauseste Werk Gioachino Rossinis eintauchen. Das krauseste ist die handlungslose „Viaggio a Reims“, auf Platz zwei rangiert schon „Le Comte Ory“ – was nicht wundert, hat der Meister für den doch rund 80 Prozent der „Viaggio“ recycelt.

Marcus H. Rosenmüller, der Kino-Mann, schmeckt also erstmals ins Musiktheater hinein, dann auch noch mit den Eleven der Bayerischen Staatsoper: Nicht nur tout Munich ist da automatisch auf Schampus-Modus. Dabei ist ja viel Bemerkenswerteres in dieser Opernstudio-Premiere passiert – weshalb der Rosi jetzt mal kurz hintanstehen muss. Zum Beispiel die Sache mit der Dirigentin.

Oksana Lyniv darf ab sofort und endgültig nicht mehr der alleinige Zusatz „Assistentin von Kirill Petrenko“ angeklebt werden. Die Ukrainerin liefert mit einer Auswahl des Staatsorchesters Rossini so, wie er sein muss. Al dente, arrabiata – und ohne virtuose Nähmaschinenkunst, sondern mit hintergründigen Temporückungen und nicht nur neongrellen Farbspielereien, sodass all die Routine-„Barbiere“ und -„Cenerentolas“ aus dem großen Haus schnell dem Vergessen anheimfallen.

Und da gibt es eben dieses Opernstudio, in dem Sänger beschäftigt sind, um die sich schon jetzt andere Theater reißen müssten. Um Matthew Grills als Ory etwa, der auf bestem Wege ist zum Ideal eines Rossini-Tenors: mit schmalem, durchsetzungsstarkem Klangstrahl, imponierender Höhe und Verzierungsarbeit sowie einem ganz eigenen, manchmal wie abwesend ausgespielten Bühnenhumor. Oder man höre Elsa Benoit als von Ory umgarnte Comtesse Adèle, deren feine lyrische Soprankunst einen zunächst auf Abwege führt – das vokale Zupacken gelingt ihr nämlich nicht minder gut.

Marzia Marzo als Ory-Nebenbuhler Isolier lässt ebenso aufhorchen mit herbem, apart timbriertem Mezzo, Höhenflüge werden ohne Anstrengungen unternommen. Sie alle, Rachael Wilson (Ragonde), John Carpenter (Raimbaud) und Leonard Bernard (Gouverneur) eingeschlossen, machen einem schnell plausibel, warum die Staatsoper sich zu gern aus dem eigenen Gewächshaus bedient, wenn wieder eine Ensemble-Position neu besetzt werden muss.

Dass diese aufgekratzte Riege einen Motivator wie Rosenmüller bekommt, passt also. Der hat sich mit Doerthe Komnick (die eine akustisch etwas problematische Bühne gebaut hat) und Sophia Dreyer (Kostüme) allerlei Konzeptionelles überlegt, das nach gewisser Zeit der Sichtung vor allem eines ist: wurscht. Ory, der mehrfach unerkannt um Adèle buhlt, einmal als Arzt, einmal mit ebenso maskierten Freunden als Nonne, und sich gegen Mitbewerber durchsetzen muss, all das ist kein Fall für die Logikpolizei, sondern für Fans der Situationskomik.

Rosenmüller glückt Letzteres einige Male. Zum Beispiel bei der Band auf Frontmann-Suche, die vor Beginn die Bühne entert. Auch bei „Doktor“ Orys hautnaher Anamnese seiner Angebeteten oder bei den Nonnenkostümen in Kegel-Optik – weite Strecken des Abends spielen schließlich auf einer Bowling-Bahn. Erotische Plänkeleien ermöglicht das, ist aber nicht mehr als ein hübscher Ausstattungseinfall.

Dass der Rosi nicht in jeder Sekunde als Gag-Feuerwerker unterwegs ist, kennt man aus dem Kino. Eher als Mann für die leisen, kleinen Momente. Auch hier bleibt es also bei der Nettigkeits-Offensive. Mit Gefühl für die Musik (bei einem Debütanten bemerkenswert), doch auch recht brav – und ziemlich wirr, wenn einmal ausgelegte Ideenhäppchen bald achtlos liegen gelassen werden. Die Sache mit dem duschenden Tenor (ein Zitat aus Woody Allens „To Rome with Love“) wird nicht weitergesponnen, ebenso Böses wie die beißwilligen, blutgierigen Kerle. Alles läuft zwar einigermaßen rund, für Rossinis sinnfreie Groteske sind es trotzdem einige Umdrehungen zu wenig. Ein sauberes Gesellenstück – so hätte Rosenmüller wohl auch über einen Film-Neuling geurteilt.

Weitere Vorstellungen:

17. und 19. April (ausverkauft) sowie 18. und 21. Juni, Karten ab 18. April unter Telefon 089/ 2185-1920.

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