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"Le Nozze die Figaro" bei den Salburger Festspielen.

Salzburger Festspiele

"Le Nozze di Figaro": Wimmelbild mit Fettflecken

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Salzburg - Mozarts "Le Nozze di Figaro" enttäuscht bei den Salzburger Festspielen musikalisch, kann sich aber einigermaßen sehen lassen. Die Premierenkritik.

Zwischen Seite 51 und 61 gibt es das lohnendste Lesefutter. Es ist nicht der gelehrte Essay zuvor, nicht der Operntext danach, auch nicht die sehr hübsche Fotoserie aus der Inszenierung oder die Werbung einer Uhrenmarke, die mit „x“ endet, woran der Blick haften bleibt. Nein, der Connaisseur labt sich an den komplett aufgelisteten Besetzungen seit der ersten Salzburger Festspielaufführung Anno 1922. Nur das Beste war für „Le nozze di Figaro“ hier gut genug, es ist das Who’s Who des Gesangs. Viorica Ursuleac gleich mehrfach, ebenso die Schwarzkopf, die Seefried, der Fischer-Dieskau, später Damrau, Netrebko, Terfel – ein konkurrenzloser Mozartnamenwahnsinn.

In diesem Sommer, beim neuen „Figaro“, ist das anders. Unbekannte Namen sagen klarerweise nichts über die Form aus. Außerdem ist es ja höchste Zeit, endlich das lang verheißene neue Salzburger Mozart-Ensemble zu entdecken. Doch spätestens nach drei Stunden Premiere im Haus für Mozart (!) ist klar: Es muss weitergesucht werden. Dabei hinterlassen alle einen hochakzeptablen Eindruck: Anett Fritsch als flirrstimmige, immer besser werdende Contessa, Martina Janková als etwas späte, robuste Susanna, Margarita Gritskova als Cherubino mit fein lasierten Klangfarben, Luca Pisaroni als herrlich komödiantischer, vokal glanzarmer Conte-Gockel, besonders Adam Plachetka mit gut durchgebildetem, kernigem Figaro-Bariton. Aber fährt man wegen ihnen an die Salzach?

Dabei gibt es ja, anders als im schweren Verdi- oder Wagner-Fach, weiß Gott keine Krise des Mozart-Gesangs. Allüberall, und dabei sind nicht nur die Supertanker der Szene gemeint, freut man sich über Aufführungen in 1A-Stilistik. Zuletzt zum Beispiel in Baden-Baden, wo gerade der „Figaro“ konzertant gegeben und für eine CD eingespielt wurde. Yannick Nézet-Séguin, quirliger Dirigentenkraftprotz aus Kanada, stand da am Pult. Er ist übrigens gerade in Salzburg, wuchtet aber dummerweise nebenan mit den Wiener Philharmonikern Bruckner. Für die prestigeträchtigste Produktion des Salzburger Sommers, ebenfalls mit den Wienern, wurde dagegen Dan Ettinger verpflichtet.

Der Mannheimer Generalmusikdirektor, so sagt er selbst, habe den „Figaro“ am öftesten dirigiert und sogar während seiner kurzen Sängerkarriere in dem Stück auf der Bühne gestanden. Nichts davon ist zu hören. Die Ouvertüre hinterlässt mehr Fettflecken als Eindrücke. Kein einziges Ensemble ist präzise. Zu 90 Prozent hängen die Sänger dem Orchester hinterher. Einsätze gibt Ettinger meist, wenn sie ohnehin jedem klar gewesen wären. Die unstete Körpersprache, hier ein Hüftwiegen, dort ein plötzliches Aufstehen, dann wieder Metronomtaktieren aus dem Handgelenk, ist weniger für die Bühne, denn für die Galerie gedacht.

Die Rezitative, von Ettinger selbst am Hammerklavier begleitet, kommen über Fingerzeigeffekte nicht hinaus. Der Mann hat durchaus eigene Vorstellungen von Hervorhebungen und Tempo-Architektur. Logisch entwickelt ist das aber noch lange nicht, die Ideen sind nicht mehr als Ausstellungsstücke. Ob vor der Pause oder dem Schluss: Naht das letzte Ensemble, klappt Ettinger die Partitur demonstrativ zu, um auswendig weiterzumachen – so eitel, ohne die entsprechende Substanz zu liefern, hat sich hier schon lange kein Dirigent mehr benommen.

Gut möglich, dass Ettinger für 2016, wenn in Salzburg alle drei Da-Ponte-Opern als Zyklus laufen, ausgetauscht wird. Was bleibt, ist die Regie des Chefs. Sven-Eric Bechtolf, Interimsintendant der Festspiele, glückt nach „Così fan tutte“ und „Don Giovanni“ seine beste Mozart-Arbeit. Auch, weil er sich endlich von Ausstatterpaar Marianne und Rolf Glittenberg und ihrem Einheitsrezept „Loft mit Zimmerpalme“ getrennt hat. Pflanzen gibt es auch in diesem „Figaro“, aber erst im finalen Gewächshausbild, wo die Figuren zwischen angeschmockten Wänden und braun gewordener Flora Verwechslungsspielchen treiben.

Die liebevoll gepuzzelte Szenerie von Alex Eales und Bechtolfs Regie sind Kandidaten für den Detailweltrekord. Anfangs ist das Grafenschloss als aufgeschnittenes Puppenhaus zu sehen. Toilette, Figaros Schlafzimmer, Treppenhaus, gräfliches Gemach, überall tut und tummelt sich etwas, sogar Luca Pisaronis Hund Tristan, der übrigens einen eigenen Twitter-Auftritt hat (#operadogs), darf Herrchen umwedeln. Viele Filme laufen in diesem Wimmelbild parallel, am besten ist es, wenn ein Geschehen das andere kommentiert oder mit einer Zusatzebene unterläuft. Viel gearbeitet hat Bechtolf, vor allem im Mikrokosmischen. Kleine, feine Pointen gibt es, aber auch Überbeschäftigungsleerlauf mit zweckfrei dahinflutschenden Gags. Einmal steht die Gräfin in der Küche und lauscht tief getroffen dem Getändel des Gatten mit Susanna, das sich im Weinkeller abspielt. Doch schnell muss sie die Bühne verlassen und Köchinnen Platz machen, die ins hektische Werkeln verfallen – der Mehrwert? Dass alles nach „Downton Abbey“ aussieht, bringt nur TV-Fans etwas. Viel mehr allerdings, dass Bechtolf mit seiner Verpflanzung an den Beginn des 20. Jahrhunderts, in ein England des Spätfeudalismus also, durchaus die Gesellschaftsstruktur des „Figaro“ trifft. Mark Boumans Bekleidungen sind dabei pure Augenweide, so Schickes und perfekt auf den Körper Geschneidertes ist der Ausnahmefall. „Le nozze di Figaro“ als Kostümfestspiel – wenigstens das.

Weitere Aufführungen:

2., 5., 9., 12., 15. und 18.8.; Telefon: 0043/ 662/ 8045-500.

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