Leben von A bis Z

- Carlos Fuentes schrieb schon mit 30 Literaturgeschichte. Romane wie "Nichts als das Leben" prägten das Schreiben einer Generation mit, und der Erfolg hielt sich über Jahrzehnte bis hin zum jüngsten Bestseller "Die Jahre mit Laura Dí´az". Zwischenzeitlich bestimmte er wie kaum ein anderer die Debatten über politische Entwicklung und kulturelle Identität Lateinamerikas. Nun, mit über 70, wäre es bei einer so bedeutenden Persönlichkeit an sich Zeit für die Autobiografie.

<P>Doch Konventionen liegen dem Mexikaner nicht. Fuentes verzichtet auf die übliche selbstverliebte Schilderung der eigenen Vita. Seine Lebensbilanz in Buchform, "Woran ich glaube", besteht aus pointierten und tiefsinnigen Essays, die besser als jedes Erinnerungsbuch erklären, was seine Persönlichkeit, seine Vorlieben und seine Überzeugungen ausmacht. Auch hinter dieser Art von Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich steht natürlich ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das auf den ersten Blick sogar etwas pedantisch wirkt. "Alphabet des Lebens" ist der Untertitel des Buches, was darauf hindeutet, dass Fuentes seine Essays nach Stichwörtern von A bis Z geordnet hat. <BR><BR>Komme, was wolle, dieser Universal-Intellektuelle hat also zu allem etwas zu sagen: Angefangen bei "Amor" und "Amistad", Liebe und Freundschaft, geht es weiter bei Balzac und Buñ~uel, "Celos", Eifersucht, oder "Cine", Kino, und so fort. Zum Glück macht Fuentes seine strikte Systematik am Ende bei Z wie "Zebra" mit etwas Selbstironie verzeihlich. Mit einem eleganten intellektuellen Schlenker nimmt er dieses merkwürdig gemusterte Tier zum Ausgangspunkt für eine rasante, blitzgescheite Reise durch die Geschichte der fantastischen Weltliteratur.<BR><BR>Aus der Vogelperspektive</P><P>Auch bei den anderen Kapiteln muss man vor Fuentes' Verstand, Bildung und Menschlichkeit kapitulieren. Der Mexikaner fordert eine kontrollierte Entwicklung der Globalisierung, damit sie mit sozialer Gerechtigkeit einhergehen kann, er warnt davor, den Terrorismus mit einzelnen Ländern zu identifizieren, und tritt für ein offenes Miteinander der Kulturen ein. An anderer Stelle gibt Fuentes aus der Vogelperspektive des reich Belesenen Überblicke über weltgeschichtliche, kulturelle und philosophische Zusammenhänge, wie man sie in dieser Kürze selten gesehen hat. Dazwischen findet sich viel Lebensklugheit, die nur manchmal etwas zu laut danach schreit, als Zitat auf einem Kalenderblatt zu landen.<BR><BR>Zutiefst bewegende Momente hat das Buch, wenn Fuentes Einblicke ins Private gewährt. Seiner Ehefrau Silvia macht er eine wunderschöne Liebeserklärung. Und er huldigt seinem Sohn Carlos Fuentes Lemus, dem Maler und Dichter, der mit 25 Jahren starb. Die Kapitel fügen sich wie ein Puzzle zum Bild eines herausragenden Intellektuellen zusammen. Ohne eine zu sein, erfüllt dieses "Alphabet des Lebens" die höchsten Ansprüche an eine Autobiografie. </P><P>Carlos Fuentes: "Woran ich glaube. Alphabet des Lebens". Aus dem mexikanischen Spanisch von Sabine Giersberg. DVA, München, 379 Seiten; 24,90 Euro.</P><P><BR> </P>

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