Aus dem Leben der Bedrückten

- "Was ist real?", fragt 1938 Umrao Singh Sher-Gil in einem Brief an seine 25-jährige Tochter Amrita und verheißt hinter den "Trugbildern" von Vergangenheit und Zukunft "eine Wirklichkeit der reinen Empfindung". Mit seinen fotografischen Selbstporträts wird sich der sanskritgelehrte Philosoph immer am Rande dieser Wirklichkeit bewegen. Amrita hingegen wird sie bereits in den jungen Jahren ihres kurzen Lebens malerisch entdecken, in (Augen-) Blicken voll schöner Melancholie.

Amrita Sher-Gil, 1913 wohlhabend geboren in Budapest, im Land ihrer Mutter, lernte erst mit neun Jahren die aristokratische Familie des Vaters im nordindischen Punjab kennen. Mit 16 befand sie sich bereits auf der École des Beaux Arts inmitten der Pariser Künstlerbohème. Drei Heimaten am Anfang eines selbstbewussten Lebens -doch welche war die wirkliche?

Die Bilder, welche nun im Münchner Haus der Kunst mit flammenden Rot- und warmen Brauntönen, mit den Alltagsszenen einer alten Kultur wie mit den kantig fließenden Körpern der Armut beleuchten, lassen keinen Zweifel: Nach Indien kehrt Amrita Sher-Gil 1934 zurück, auf der Suche nach Inspiration. In der Ferne hat sie die Nähe dieses bunten, doch auch schwermütigen Kontinents erfahren, den sie nun, in den sieben ihr verbleibenden Lebensjahren (sie stirbt an einer ungeklärten Krankheit) abbildet: klarer konturiert jetzt und flächig abstrakter, reserviert statt romantisch, häufig in eine geheimnisvolle mystisch-religiöse Stimmung getaucht. Amrita verabscheut "die billige emotionale Wirkung" Geschichten erzählender Bilder und kann auch dem kitschigen indischen Kunstfilm nichts abgewinnen.

Die starke Sinnlichkeit, die sie -in optischer Konkordanz etwa zu den Südseebildern Gaugins oder zu den (Selbst-)Por- Aus dem Leben der Bedrückten Die sanfte, sinnliche Malerin: Amrita Sher-Gil im Haus der Kunst träts Frida Kahlos -sucht, liegt in der Vermittlung: "Ich versuche, das Leben der einfachen Menschen, insbesondere das Leben der Armen und Bedrückten, mittels Linienführung, Farbgebung und Gestaltung zu übersetzen", schreibt sie 1936. Die Ausstellung im Haus der Kunst ist das umfangreichste indische Künstlerporträt, das es je in Deutschland gegeben hat, schöpfend aus den Beständen der National Gallery of Modern Art in Neu Delhi, für deren Gründung Sher-Gils Nachlass 1954 die Basis bildete.

Die Schau widmet sich nicht allein der sanften Malerin. Sie schließt neben dem hochinteressanten philosophie-fotografischen Vater (1870-1954) zwei ihrer unmittelbarsten Biografen mit ein: ihre Nichte Navina Sundaram (geb. 1945) mit einem filmischen Amrita-Porträt und ihren Neffen Vivan Sundaram (geb. 1943) mit multikünstlerischen Erinnerungen. Hierin und in den etlichen Briefen, welche die Schau zu lesen gibt, begegnet man einer engagierten und bis zur Exzentrik emanzipierten Frau, geprägt vom (sexuell) befreiten Pariser Leben.

In Fotocollagen inszeniert Vivan Sundaram mit erstaunlicher Unbefangenheit metaphysisch symbolhafte Zusammentreffen -zwischen der Malerin und ihren Modellen, zwischen den entwaffnenden Selbstbildnissen des Vaters und den stolzen Bildern der Tochter, zwischen Okzident und Orient. Und formt damit die dritte außergewöhnliche Position im Herzen der Ausstellung "Amrita Sher-Gil.

Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert".

Bis 7. Januar. Mo.-So. 10 bis 20 Uhr, Do. 10-22 Uhr.

Info: 089/ 21 12 71 13;

www.hausderkunst.de

Der Katalog kostet 49,80 Euro.

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