Dortmund besiegt "Fluch von Berlin" - Triumph für Tuchel

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Das Leben braucht das Gedicht

- Ein gutes Gedicht verändert die Welt. Daran muss einer wie Reiner Kunze glauben. Nur so konnte es ihm gelingen, zu einem der bedeutendsten Vertreter deutschsprachiger Lyrik zu werden. An diesem Samstag wird Kunze 70 Jahre alt.

<P>Der in Oelsnitz im Erzgebirge geborene Autor verließ 1977 die DDR, nachdem er in heftige Konflikte mit den Machthabern geraten war. Heute lebt er im niederbayerischen Obernzell in der Nähe von Passau. Aufrichtig und streitbar wie stets, was er gerade in jüngster Zeit im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform bewiesen hat. Auf Bitten des Dichters wurden seine folgenden Antworten für dieses Interview nicht nach den Regeln der neuen Rechtschreibung wiedergegeben.</P><P>Warum ist uns so nach Dichten zumute, wenn wir verliebt sind?<BR>Kunze: Die Sprache, deren wir uns sonst bedienen, ist uns plötzlich zu eng über der Brust. "Deine Augen glänzen wie Sterne" - der Liebende versucht, das Unaussprechliche, das sein Herz bewegt, in Worte zu fassen. Was hat er davon? Er glaubt, das Gefühl, das ihn überwältigt hat, bewältigen zu können, indem er für das Außergewöhnliche, das in ihm vorgeht, einen nach seiner Meinung außergewöhnlichen Ausdruck findet. Das ist das eine, was er davon hat oder zu haben scheint. Das andere ist die Annahme, das Unaussprechliche dann auch aussprechen und den Menschen, in den er verliebt ist, von der Intensität seiner Empfindungen überzeugen zu können. Mit "Dichten" hat das allerdings nichts zu tun.</P><P>Warum nicht?<BR>Kunze: Weil ein starkes Gefühl allein niemanden zum Dichter werden läßt, und weil weder abgestandene bildhafte Ausdrücke noch bloße Formelemente wie strenger Rhythmus, Zeilenbruch, Reim und so weiter einen Text zum Gedicht machen.</P><P>Was dann?<BR>Kunze: Daß er der Welt eine noch nie dagewesene Vorstellung von ihr hinzufügt - eine Vorstellung, die aus Banalem besteht, das ins Unerhörte gewendet ist.<BR>Gedichte zu lesen gilt vielen als luxuriöser Zeitvertreib schwärmerischer Menschen. Für den, der sich im Alltag bewähren muß, scheint das nichts zu sein. Oder?<BR>Kunze: Wer das denkt, weiß nicht, was das ist, ein Gedicht, oder was es sein kann. In Diktaturen hat man sich Gedichte wie Kassiber weitergegeben. Der Dichter wäre der Natur nicht eingefallen, wenn er Luxus wäre, wenn es keine Wirklichkeitsbereiche gäbe, deren sich der Mensch nur mit dichterischem Denken versichern kann. Die Poesie wäre nie entstanden und hätte nicht Jahrtausende überdauert, wäre sie nicht notwendig. Wenn viele Menschen das Gedicht zum Leben - zu ihrem Leben - nicht brauchen, heißt das nicht, dass das Leben nicht das Gedicht braucht.</P><P>Ein Gedicht interpretieren, was heißt das?<BR>Kunze: Das kommt darauf an, was mich veranlaßt, über ein Gedicht nachzudenken, und was für ein Gedicht es ist. Keinesfalls darf es heißen, das Gedicht "zusammenfassen" zu wollen, denn es läßt sich ebenso wenig zusammenfassen wie eine Melodie oder ein Gemälde. Ein Gedicht zu interpretieren  darf  ebenfalls nicht heißen, es auf einen Gedanken, auf eine Idee zu reduzieren oder diese sogar in das Gedicht hineinzudenken, weil man meint, man dürfe sich erst dann für oder gegen einen Text aussprechen, wenn man der "Aussage" habhaft geworden ist. So rezipieren Ideologen und Zensoren Poesie. Ein Gedicht zu interpretieren heißt, es sich umfassend zu erschließen, ohne daß das Poesieerlebnis dabei Schaden nimmt.</P><P>Banales wird Unerhörtes</P><P>Warum finden wir heute so schwer Zugang zur Bildsprache von Gedichten?<BR>Kunze: Weil wir nicht mit ihnen zusammenleben, was viele Ursachen hat. Eine von ihnen ist das fertige Bild, das uns von kleinauf vorgeflimmert wird. Das schöpferische Bildvorstellungsvermögen wird nicht mehr gefordert und nekrotisiert. Wenn ich verantwortungsbewußten Lehrern glauben darf, ist ein Teil der deutschen Realschüler außerdem nicht einmal mehr fähig, ein Gedicht zu lesen, es rein sprachlich aufzunehmen. Noch nie waren so viele Kunstwerke, sei es Musik, Bildende Kunst oder Literatur, so vielen Menschen zugänglich wie heute. Die Fähigkeit, ein Kunstwerk wirklich aufzunehmen, scheint aber, jedenfalls in der westlichen Welt, eher geringer zu werden.</P><P>Was können Gedichte oder andere Kunstwerke bei dem bewirken, der sie auf sich wirken läßt?<BR>Kunze: Bei Dylan Thomas heißt es, die Welt sei nicht mehr das, was sie war, wenn sie um ein gutes Gedicht vermehrt worden ist. Auch wir sind nicht mehr das, was wir waren, wenn unsere innere Welt um ein gutes Gedicht vermehrt wurde. Große Poesie, große Kunst lebt von großen und aufrichtigen Gefühlen, die ihre Abdrücke in uns hinterlassen. Wer sich großen Kunstwerken aussetzt, stellt sich selbst zur Disposition und wird aus der Begegnung um ein Unmerkliches verändert hervorgehen.</P><P>Sie haben einmal gesagt, Sie seien jeden Morgen dankbar für das Erwachen, wüßten aber nicht, wem. Versuchen Sie, dem, dem Sie danken, auf die Spur zu kommen?<BR>Kunze: Mein tschechischer Kollege Jan Ská´cel schrieb mir einmal: "Es gibt Schleier, die wir nicht ungestraft berühren."</P><P>Das Gespräch führte Michael Ragg</P>

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