Das Leben als Darm

- Die Hauptfigur in Franzobels Roman "Das Fest der Steine" heißt Oswald Mephistopheles Wuthenau. Was für ein Name, was für ein Mensch. Ein 160 Kilo schwerer Riese ist er, der gerne auf den Tisch haut, damit alle hören, dass er Adolf Hitler für das schönste und größte aller Erdenwesen hält. Seltsam ist nur, dass seine antisemitischen Sprüche hölzern und farblos klingen, so als würde einer Weisheiten aus dem Bauernkalender aufsagen. Und noch viel seltsamer ist Wuthenaus Liebe zu Bert Brecht. Im Laufe des Romangeschehens macht Wuthenau Brecht in Argentinien weltberühmt und nimmt dort das erste Atomkraftwerk in Betrieb, daraufhin wird ihm durch die DDR-Führung die Brecht-Medaille verliehen.

Die Fratze der Ironie

Aber ist dieser Oswald nicht letztlich ein Getriebener, einer der "im Fluss des Lebens steht", wie Franzobel schreibt? Kein Leser wird mit Wuthenau sympathisieren und doch kennt jeder das, wonach er sich sehnt: Glück, Geborgenheit und Anerkennung. Was macht man also mit einem wie Wuthenau, der mit Hitler-Sprüchen in der guten Gesellschaft Argentiniens reüssiert, zugleich aber liebender Familienvater ist und sich in klassischer Musik und Literatur auskennt? Man schaut weg. Franzobel hingegen schaut in seinem Roman genau hin und will zeigen, dass Wuthenau keine mephistophelische Ausnahmenatur ist. Freilich, er ist literarisch gewaltig überzeichnet, aber ein Einzelfall ist er eben nicht.

Auch Wuthenaus Leiden ist keineswegs selten: Er hat chronische Verstopfung. Sein österreichisch-argentinischer Schwiegervater Franz Schwammenschneider hat hingegen mit permanentem Dünnpfiff zu kämpfen. Franzobel schreibt: "Es ist schwer zu sagen, ob Durchfall oder Verstopfung das größere Unheil ist. Beim einen wird man läppisch und satirisch, beim anderen allzu ernst. Für viele hängt das geordnete Weltbild von der Verdauung ab." Freilich weiß der Autor, dass es auch "Migränisten" und "Rückenesen" gibt, aber letztlich hänge das Leben doch von den "Gedärmen" ab.

Diese Ansicht ist nicht neu. Schon der heilige Augustinus gemahnte "Inter faeces et urinam nascimur" (Wir werden zwischen Fäkalien und Urin geboren), und Schiller erfasste in den "Räubern" die Welt als "Morast".

Es scheint, dass manche Autoren, die viel grübeln müssen und ihre Mitmenschen beobachten, sich einer Frage nicht entwinden können: Was ist das Leben wert, wenn es als Darm angelegt ist? Hinter dieser Frage lauert die Fratze der Ironie. Franzobel will nicht belehren. Er möchte unterhalten, dabei aufrütteln und nachdenklich machen. Seine Waffe ist die spitze Feder des Sarkasmus.

Franzobels Argentinien besteht eigentlich aus lauter Österreichern. Sie sind Immigranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem fernen Land ihr Glück suchen. So auch Wuthenau. Wie er führen die meisten lockere Nazi-Sprüche auf den Lippen. Nur Wuthenau übertrifft alle, etwa wenn er sagt: "Ich habe auch eine Messe für den Führer lesen lassen. Das glauben Sie nicht? Jeder verlorenen Seele kann man eine Messe lesen lassen, steht im Katechismus, und dass der Führer eine verlorene Seele ist, steht ja wohl außer Zweifel." Hier schlägt Ironie in Nachdenklichkeit um.

Barocke Erzähllust

Franzobels Roman ist in sieben Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel ist mit einer der sieben Todsünden überschrieben. Und nur einmal weicht der Autor bewusst ab: Statt "Trägheit" setzt er "Traurigkeit". So wird eine Szene übertitelt, in der jemand bei einer Orgie gesteinigt wird. Doch neben all der Unmenschlichkeit gibt es auch die "Wunderkammer". Die barocke Erzähllust Franzobels findet hier eine Entsprechung in einer Lebensweisheit des Barock: Unsere Existenz ist neben all den Übeln auch ein Wunder, Teil eines Kuriositätenkabinetts, ja, eine Exzentrik, die es zu leben gilt. So ist "Das Fest der Steine" ein wunderbarer Roman, der viele Facetten der menschlichen Existenz aufblättert. Ein Leseerlebnis voller nachdenklicher Ironie.

Franzobel: "Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik". Paul Zsolnay Verlag, Wien, 643 Seiten; 24,90 Euro.

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