Leben, Tod und Eros

- Da ist der freche Fiesl, ein echter Liliom, den Hut kess nach hinten geschoben, die Beine wie zum Spagat gespreizt, die Arme parallel dazu und riesige Hände vor der Brust, als wär's eine schrille Tanzfigur. Da ist der Trauerkloß, gekleidet in einen Farbwirbel aus Grün, Blau, Lila und Rot, der sich mit der einen Hand das untere Lid herunterzieht, sodass ein Auge riesig ist, das andere nur ein Schlitz. Und da ist der ausgemergelte Mann mit kahl rasiertem Schädel, hohlen Augen und Wangen, dessen Körper in einem mächtigen orangeroten Mantel verschwindet. Egon Schiele (1890-1918) benutzte sich häufig selbst wie ein Modell, um den Mensch an sich, den Mann an sich in einer bestimmten Lage darstellen zu können.

Es ist unter anderem dieses "theatrale Wesen", das die umfangreiche Ausstellung zu seinem zeichnerischen Schaffen in der Wiener Albertina deutlich machen will (Kurator: Klaus Albrecht Schröder). Das Haus kann auf 130 Blätter aus eigenem Bestand zurückgreifen und hat sie mit 90 Leihgaben - darunter auch aus der Staatlichen Graphischen Sammlung, München - komplettiert.

an zeigt vor allem Werke aus der bedeutendsten Phase zwischen 1910 bis 1915 und da wiederum Akte und Selbstporträts. Einige frühe Arbeiten signalisieren aber auch Schieles Ausgangspunkt: Jugendstil und Symbolismus, etwa mit einer dämonischen "Madonna mit Kind". Stolz ist die Albertina ebenfalls darauf, diverse Werkgruppen - zum Beispiel die Gefängnis-Serie - durch die Schau wieder zusammenführen zu können. Ähnlich die "Sequenzen", in denen Körperhaltungen durchgespielt werden: nach Schröders These ein "fast filmisches Vorgehen".

Ein Extrem an Ausdruckskraft

Wie dem auch sei, die Zeichnungen mit ihren farblichen "Ausrufungszeichen", mit der Kombination aus Aquarell, Bleistift, Deckfarbe, Weiß und braunem Packpapier, diese Virtuosität im Weglassen und Akzente-Setzen markieren Schieles atemberaubenden Sprung in ein Extrem an Ausdruckskraft. Schonungslos stellt er den Leib aus - deswegen die massive Sexualisierung. Leben, Tod und Eros ergeben die Trias, die nicht nur vom Symbolismus blieb und Sigmund Freud als Zeitgenosse bewegte. Sondern Schiele schildert sie als unentrinnbare, oft qualvolle Größe. Darin bezieht er sich ebenso auf die Lust des Barock an Schönheit und Grauen; und er weist voraus auf den Körpereinsatz des Wiener Aktionismus im 20. Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg, der bis zur Selbstzerstörung ging.

Bis 13. März, Albertinaplatz 1, Tel. 0043 (01) 53 48 30, täglich 10-18 Uhr; Katalog, Prestel Verlag: 29 Euro.

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