Das Leben feiern

- 1978 - die Münchner Ballettwelt in Aufruhr. Intendant August Everding holt Lynn Seymour als Ballettdirektorin an die Bayerische Staatsoper. Die 39-jährige Kanadierin, eine der raren, außergewöhnlichen dramatischen Ballerinen des 20. Jahrhunderts, soll das dornröschenschläfrige Staatsopernballett auf Attraktivität hochpolieren.

Und Seymour brachte internationale Gaststars - unter anderem Nurejew und Makarowa. Überließ talentespürig dem jungen William Forsythe die Uraufführung "Joyleen gets up, gets down".

"Ich versuche, eine Atmosphäre des vollkommenen Vertrauens zu schaffen."

Lynn Seymour

Für sie jedoch waren die zwei Jahre Direktion des noch in Opern-Abhängigkeit geknebelten Ensembles wohl eher ein schmerzhaftes Lebens-Kapitel. Nur die guten Momente in Erinnerung bewahrend, ist sie jetzt zurückgekommen für die Einstudierung von Frederick Ashtons "Five Brahms Waltzes in the Manner of Isadora Duncan", das sie 1976 in London kreierte. Mit Staatsballett-Solistin Sherelle Charge als Isadora hat der Ashton-Klassiker in der "Terpsichore-Gala VI" der diesjährigen Ballettwoche (17. bis 24. 4.) am 21. April Münchner Premiere (Nationaltheater).

Zuerst die Seymour bei der Probe: die Künstlerin, wie sie vormacht, die Arme fließen lässt, scheinbar völlig kunstlos aus dem Gefühl heraus - die US-Tanzpionierin Duncan, wiedergeboren hier im Probensaal, auf der Suche nach ihrem neuen freien Tanz. Könnte Seymour in der Gala nicht wenigstens einen der fünf Walzer selbst tanzen?

"Nein", lacht sie herzlich, "aus und vorbei. Ich hab' das alles gehabt." Und sie hat, Mutter immerhin von drei Kindern, sogar bis Ende 40 getanzt. "Die Tatjana in Crankos ,Onegin’. Wohlgefühlt habe ich mich nicht", fügt sie fast verschämt an. Aber dramatische Ballette wie "Onegin", wie "Anastasia" und "Mayerling" von Kenneth MacMillan sind ihr ureigenes Terrain. Sie wird gleich zu Beginn seiner Karriere seine Muse. Als er 1966 die Ballettleitung der Deutschen Oper Berlin übernimmt, geht sie, mit dem Risiko, die Sicherheit des Royal Ballet zu verlieren, mit ihm. "Ich hatte ein intuitives Gefühl für das, was er wollte. Das war aber bei den meisten Choreographen so, auch bei Ashton. Er kam immer mit vielen Ideen, die wir Tänzer ausforschen konnten. Beide, Ashton und MacMillan, diktierten nichts, sie bezogen uns in den kreativen Prozess ein. Und genau das hat mich schon ganz früh interessiert, nicht so sehr das Erlernen der alten Klassiker."

Und der Unterschied zwischen den beiden Meistern? Seymour: "MacMillan spürte dem Nerv seiner Zeit nach, traf sich mit den Ideen der Nouvelle Vague, mit dem Theater eines John Osborne, eines Tom Stoppard, eines Arnold Wesker mit seinem Spülstein-Naturalismus. Er war überzeugt, dass das Ballett ein großartiges Medium war, um psychologisch zu arbeiten, ein Medium auch, um die Wirklichkeit widerzuspiegeln. Ashton, ja auch 25 Jahre älter, liebte die Romantik. Er war ein Traditionalist - und er hatte ein großes Gefühl für Frauen. Aber er liebte die romantisch idealisierte Vorstellung von der Frau, sodass seine Figuren ein bisschen irreal, ein bisschen aus der Zeit gefallen waren."

Wie seine Isadora Duncan, eine Tänzerin, die zwischen Emanzipation und Naturmystik in schwelgerischen freien Bewegungen das Leben an sich befragt und feiert. Nicht so leicht, das in den Körper einer Tänzerin von heute zu bekommen, die es außerhalb der Ballettklassik eher mit den extremen Zeitgenossen Mats Ek, William Forsythe und Saburo Teshigawara zu tun hat. Aber Seymour ist eine psychologisch äußerst behutsame Pädagogin: "Ich versuche, eine Atmosphäre des vollkommenen Vertrauens zu schaffen. Dann kann ich auch mal sagen: Das überzeugt mich nicht."

Heute, 20 Uhr, gibt Lynn Seymour in der Reihe Ballett-Extra am Platzl 7 eine Masterclass. Karten unter Tel. 089/2185-1704.

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