Leben in Fragmenten

- Sein Arbeitstisch ist abgenutzt, seine Bücherregale zeigen Spuren jahrelangen Gebrauchs: Obwohl sich in dem kleinen Raum in der alten Greifswalder Universitätsbibliothek nur wenige Möbelstücke Wolfgang Koeppens finden, atmet er den Geist eines der größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In unzähligen nummerierten Kartons ist der umfangreiche literarische Nachlass des Autors aufbewahrt - licht- und feuchtigkeitsgeschützt.

Pünktlich zum 100. Geburtstag Koeppens am heutigen Freitag ist der Nachlass nun endlich für eine wissenschaftliche Nutzung aufgearbeitet. In einer Datenbank dokumentieren rund 25 000 Einträge Koeppens Erbe mit seiner 12 000 Briefe umfassenden Korrespondenz, mit 500 Manuskripten und der Arbeitsbibliothek von 10 000 Bänden. "Kleine Notizzettel Koeppens, die an Illustrierten-Ausgaben heften, wurden ebenso aufgenommen wie Randbemerkungen in Büchern seiner Handbibliothek", sagt Anja Ebner, Mitarbeiterin des Koeppen-Archivs. Der literarische Nachlass wurde zudem digitalisiert.

Als der 1906 in Greifswald geborene Koeppen vor zehn Jahren in München starb, richtete sich die Aufmerksamkeit der deutschen Literaturwissenschaft auf das damals noch ungeordnete Konvolut: Findet sich in den Mappen der große autobiografische Roman, auf den man vergebens gewartet hatte? Gibt der Nachlass Erklärungen über das jahrzehntelange Schweigen des Schriftstellers? Den großen autobiografischen Roman hat man nicht gefunden, aber das Fragment "Jawang-Gesellschaft", von dem Koeppen einst behauptete, es sei bei einem Wohnungsbrand in Berlin untergegangen. "Viele Fragen sind auch jetzt noch unbeantwortet", erklärt Archiv-Leiter Erhart.

Der provinziellen Enge seiner Geburtsstadt Greifswald kehrte Koeppen einst als Jugendlicher den Rücken. Doch er schloss seinen Seelenfrieden mit der Stadt, die ihm 1994 die Ehrenbürgerschaft antrug. Sein Geburtshaus beheimatet außer dem Archiv mittlerweile ein Literaturzentrum.

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