Das Leben ist ein Geheimnis

- Die Dichtergrabdichte fällt ihm auf, als er durchs Wendland fährt. Auch das Pärchen, das im Todesstreifen entlang der einstigen Grenze Liebe macht. Und sich selbst hält er für eine nie versiegende Quelle von Unglücksfällen: Seine Frau, die Chirurgin, "hatte lange genug zwei Unfallstationen zu betreuen: jene im Gertraudiskrankenhaus, und jene zu Hause, die ich war". Keine Frage, der hier spricht, Ich-Erzähler in Arnold Stadlers Roman "Sehnsucht. Versuch über das erste Mal" kämpft, meistens mit dem Leben, immer mit sich selbst.

Dabei sollte der Sprössling aus dem Hause Josefslust, Träger eines "von" im Namen, doch Jäger werden. So wie alle männlichen Vorfahren, die im Krieg gefallen oder wie der Vater hochdekoriert zurückgekehrt sind. Doch das Kind verweigert jeden Ball, dann den Wehrdienst und verdingt sich später als Referent von Verbrauchervorträgen. Dass er, der zeitweise Schwierigkeiten hat, "morgens in einen Schuh hineinzufinden", sein Leben aufschreibt, hat, man ahnt es, mit seiner Psychotherapie zu tun. Wir Leser begleiten ihn: auf der Vortragsreise in die Lüneburger Heide sowie in den Swingerclub nach Fallingbostel. Dabei lässt der gescheiterte Forstwissenschaftler sein Leben Revue passieren, vor dem er andächtig, schaudernd, betreten steht: "Schweigeminute, das einzige, was dieser Gesellschaft noch geblieben war." <BR><BR>Aber nein, so furchtbar morbide ist dieser Versuch, all dieses "mit dem Schreiben und Lesen noch einmal von vorne zu beginnen", gar nicht, eher unheimlich komisch. Unheimlich auch, weil Stadler das Banale wie das angedeutete Verrückte so unterhaltsam, geistreich, gnadenlos entstellend und reizvoll verschlungen erzählt. Lapidar lässt er mal hier mal da eine Andeutung fallen - "Miami", die Aufschrift auf einem Badetuch, oder "Fahrschule", eine Station des Scheiterns und Verheißung des Davonfahrens - und auf einmal wächst sie sich zum großen Symbol aus: Sehnsucht. "Das Buch ist an meiner Sehnsucht entlanggeschrieben wie an einer Hundeleine." <BR><BR>Und sie zerrt auch deshalb so fürchterlich, weil der bisexuelle Erzähler sich vormacht, sein Leben sei ein Geheimnis, das sich eines Tages auflösen könnte: "Dieser Glaube war mein Herzfels und Hoffnungsschmerz." So ist dieses Bekenntnis eines inzwischen Hoffnungslosen ein Versuch, alle ersten Male seines Lebens ungeschehen zu machen. Und es sieht ganz so aus, als ob es ihm gelänge, indem er sein Leben zum Geheimnis umschreibt, das der Leser genussvoll lösen darf. <BR><BR><BR>Arnold Stadler: Sehnsucht. Versuch über das erste Mal. <BR>DuMont Verlag, Köln; 328 Seiten, 22,90 Euro. <BR>Der Autor liest heute um 20 Uhr im Literaturhaus. Tel.: 089/29 19 34 27. <BR>

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