Leben gleich Liebe gleich Glück

- "Wo bist du gewesen?", fragt er. "Hier", sagt sie und schlingt die Arme um ihren Körper. "Und dort", sagt sie und schlingt die Arme um seinen Körper. Vier Menschen, zwei Paare, sechs Möglichkeiten - oder doch nur ein gespaltenes Ich? Sarah Kanes puristische Theaterelegie "Gier" ist eine Rechenaufgabe über eine scheinbar unbescheidene und daher unmögliche Gleichung: Leben gleich Liebe gleich Glück.

Auf der Bühne im Münchner Marstall wandeln Figuren, die sich zögernd, zärtlich, drängend einander nähern, um sich dann wieder zu entfernen. Figuren zwischen Einsamkeit und Misstrauen, denen Sarah Kane lediglich Worte als Charakter gab und bloße Buchstaben als Namen. Die Regisseurin Tina Lanik, die am Resi zuletzt Grabbes "Gothland" dressierte, betreibt nun anziehend dichte Konfrontationstherapie mit ihnen: Provokant inszeniert sie C, M, B und A dort, wo das Leben roh, die Romantik pur und das Glück ursprünglich ist: am Meer.<BR><BR>In sommerfrischer Kleidung bewegen sich Marina Galic, Barbara Melzl, Felix Klare und Siemen Rühaak auf den weißen Bohlen eines offenen Strandpavillons, der knapp überm sandigen Bühnenboden schwebt. Bald werden sie die hintere Seite von Magdalena Guts Gefängnisinsel durch zwei Rollos verschließen und den Blick auf einen gemalten Sonnenuntergang öffnen: So werden sie die Realität mit ihren Sehnsüchten überdecken und beide unerreichbar machen.<BR><BR>In rhythmischem Wechsel fallen Kanes Sätze, die oft beliebig assoziiert erscheinen. Lanik indes verleiht den Figuren das richtige Maß an Profil. Zwar ist jeder mal der Verführerische, der Verliebte, der Verstimmte oder der Verzweifelte, doch einer ist eines mehr als die anderen. So können aus den bloßen (leicht gekürzten) Satzgeflechten Beziehungen entstehen, die Kanes Berichte vom immer falschen Maß an zärtlicher Liebe und sexueller Begierde - den Versuch die eigene Identität in der Sprache zu finden - gleichzeitig auch mit (sparsamen) Bühnenmitteln wiedergeben.<BR><BR>"Gier", im August 1998 uraufgeführt, besitzt eine für Kane ungewöhnliche Leichtigkeit; es liegt vor den schweren Depressionen seiner Autorin. Lanik folgt dieser Milde, indem sie die Figuren immer wieder aus einer synchronen Gruppenstarre in die individuelle Bewegung holt. Indem sie ihnen die Stimmen einer Zivilisation gewährt, die es nicht weit entfernt vom Pavillon geben muss. Indem sie ihnen später auch erlaubt, über eine Leiter eine Etage höher zu steigen, aus der Kajüte aufs Sonnendeck. Doch die Sonne ist längst untergegangen und die neue Freiheit erneut durch eine Reling begrenzt.<BR><BR>"und mich fragen wer du bist aber dich dennoch akzeptieren und dir erzählen vom Baumengelzauberwaldjungen der über den Ozean flog weil er dich liebte" - versteckt zwischen innigen Sarkasmen, lustvollen Spielchen und bedrückenden Bekenntnissen (Übersetzung Marius von Mayenburg) konzentriert Siemen Rühaak die wohl schönste Liebeserklärung der gegenwärtigen Dramengeschichte in einer unbewegten Miene: ein minutenlanger herzenswarmer Monolog, der nicht zuletzt auch den Beweis für die Lebensfähigkeit Kane'scher Figuren darstellt. Aber während diese Menschen unaufhörlich benennen, was sie wollen und was nicht, geht das Leben an ihnen vorbei. Das hoffnungsvolle Lächeln belächelt doch nur sich selbst. <BR><BR>Resigniert begeben sich die Figuren im Marstall wieder an ihre Ausgangspositionen zurück, und Lanik wechselt die Richtung: Trotz des Textes von Freiheit und Glück entscheidet sie sich gegen den Optimismus, lässt nun die Luken wieder schließen und endet in Stagnation. <BR><BR><P><BR> </P>

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