Leben in Harmonie

- Otto Mueller hat Konjunktur. Der kaum Beachtete, in die "Brücke"- oder "Zigeuner"-Schublade Gestopfte wird plötzlich doppelt gewürdigt. Das Bernrieder Buchheim-Museum erzählt von jenem Maler aus dem schlesischen Liebau, und jetzt bietet die Münchner Hypo-Kunsthalle sogar die erste echte Retrospektive seines Schaffens. 73 Jahre nach dem Tod dieses sehr eigenen Künstlers (1874-1930). Basis dafür ist die Forschungsarbeit Mario-Andreas von Lüttichaus (Museum Folkwang Essen), der nun auch ein Werkverzeichnis auf CD-ROM fertigstellen konnte.

<P>In diesem Zusammenhang interessierte man sich für das (von Mueller fast vernichtete) Frühwerk. Und in der Tat: Überraschung. Im ersten Saal trifft man auf Jugendstil und Symbolismus. Eine Nackte in einem schummrig grau beleuchteten Gemach erhebt drohend den Dolch. </P><P>Das Weiß des Auges leuchtet, der Mund öffnet sich zum erregten Ausruf. Diese "Lukretia" greift eher den Betrachter an, als dass sie die Waffe gegen sich selbst richten würde. Was diese Körpersprache, die Figurenkonstellationen à` la Maré´es, was die im Tanz schwingenden Glieder des jungen Malers andeuten, findet sich dann in seinem Hauptwerk ins Expressive weiterentwickelt. </P><P>Dramatische Szenerien vermied Mueller in Zukunft, genauso wie er die leuchtenden Farben der Kollegen konsequent aussparte. Er benutzte schnell trocknende Leimfarbe, die er auf nicht grundierten Rupfen auftrug. Und er reduzierte die Palette in der Regel auf blasse Gelbtöne sowie viele Schattierungen von Grün. Blau und vor allem Rot werden sehr zurückhaltend eingesetzt.<BR><BR>Unverletzbare Geschöpfe</P><P>Otto Mueller, der kurz in München gewesen ist, um in Stucks Klasse aufgenommen zu werden (die war aber schon komplett), der in Dresden und Berlin studiert hatte und später an die Akademie von Breslau berufen wurde, erzeugte mit dieser Technik als Maler eine zeichnerische Luftigkeit, Durchlässigkeit. Keine kompakte Ölschicht, keine Überwältigung durch Farbe. Mueller verführt nicht, ist nicht expressiv im Sinne einer heftigen Gefühlsregung, wühlt schon gar nicht in den Abgründen der Menschenseele, Mueller arbeitet stets mit ästhetischem Verstand und fordert damit den Betrachter zu einer Rationalität des Schauens auf. Distanz bleibt gewahrt. Konvulsivisches, Ekstatisches gibt es nicht. <BR><BR>Es ist die Würde des Menschen und der Natur, auf der Otto Mueller - in klar stilisierter Weise - besteht. Das nackte Geschöpf in der Landschaft entspricht dem Gedanken eines Seins in Harmonie. Der Paradies-Mythos versteckt sich da - ohne das Angstbild der Vertreibung. Paul Cézanne hatte mit seinen Varianten zu den "Badenden" das Motiv des Menschen gesetzt, der, von kulturellen Einschnürungen frei, sich in der Natur bewegt. Diese unspektakuläre Situation wirkte auf die Malerkollegen und -nachfahren höchst nachhaltig. In der Ausstellung ist gut nachzuvollziehen - man hat diverse "Badende" von Cézanne über Kirchner bis Heckel als "Dialogpartner" dazugehängt -, dass das Otto Muellers Thema war. <BR><BR>Neben dieser Rationalität gab es aber auch den anderen Mueller, der übrigens sehr an Magie ("Selbstbildnis mit Pentagramm") interessiert war. Dieser sieht den Schmerz des Menschen etwa in der "Polnischen Familie", eine Heilige Familie, deren Baby fast schon verhungert ist; in dem ausgemergelten "Mädchen auf der Liege", in dem grandiosen "Zigeuner"-Zyklus (Lithografien) oder der "Zigeunermadonna". </P><P>Da sind - wieder ohne Pathos-Geste - große Werke der Menschlichkeit, große Werke der bildenden Kunst gelungen - weit weg von den schlanken Nackten mit den schmalen Augen, den hohen Wangenknochen und der vorgeschobenen Kieferpartie, weit weg also von diesen unverletzbaren Geschöpfen der Kunst.</P><P>Bis 22. Juni. Tel. 089/ 378 28162; Katalog, Prestel: 25 Euro. Werkverzeichnis, Prestel: 59 Euro.</P><P><BR> </P>

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