Ein Leben im Konkunktiv

- "Ich bin an einem närrischen Tag zur Welt gekommen, sagte ich mir, kein Wunder, dass mich das Leben zum Narren hält." Am 1. April 1913 erblickt der Bauernjunge Béla das Licht der Welt, nachdem er im Mutterleib allen Abtreibungsversuchen getrotzt hat. Da seine Mutter, die 16-jährig nach einer trunkenen Nacht vom "schönen Miska" ungewollt schwanger geworden war, Bela in fremde Obhut gibt, wächst er in einem ungarischen Dorf als "Bankert" mit anderen unehelichen Söhnen bei der bigotten Tante Rozika auf. Unter ihrem unwirtlichen Dach lernt das stolze und wütende, frühreife und nach Liebe gierende Kind schnell die Härten des Lebens kennen. Geschenkt gibt es nichts, nicht einmal vom Weihnachtsmann.

In der Zeit der politischen Delirien nach dem Ersten Weltkrieg, von denen der Roman "Verlockung" des Ungan János Székely erzählt, ist nichts beständiger als der Wandel und für die Masse nichts gewisser als ein Leben in Armut. Das autobiografisch gefärbte Werk über den Überlebenskampf von Béla im autoritären Horthy-Regime war als erster Teil einer Trilogie gedacht, die nie vollendet wurde. Auch wenn das weitere Schicksal des Ich-Erzählers im Dunkeln bleibt, steht der Roman (1959), den der Verlag SchirmerGraf in einer von Hanna Siehr überarbeiteten Fassung veröffentlich hat, für sich. Székely, Oscar-Preisträger und Drehbuchautor, zeichnet darin ein morbid-faszinierendes Porträt Ungarns, für das er bis in die schimmligen Kellergeschosse der Gesellschaft hinabsteigt.Der Traum von einem höheren Schulabschluss zerplatzt für Bé´la an der rauen Fassade der Wirklichkeit. Übrig bleibt die Flucht in romantische Fantasien von einem Dasein gleich dem des Räuberhauptmanns Sándor Rózsa, der von den Reichen stahl, um den Armen zu geben. Denn bei allem Realitätssinn und aller physischen Stärke hat dieser grobe und ruppige Bauernjunge auch eine sensible Seite: die des Lyrikers, dem die Gedichte aus der Seele in sein kleines Notizbuch fließen.Doch es bleibt ein Leben im Konjunktiv. Statt Dichter oder Rächer der Armen wird Béla mit 14 Jahren Laufbursche eines Budapester Nobelhotels. In der "Festung des Feindes" reiben ihn die Klassengegensätze auf. Das Hirn vernebelt vom (ver-)lockenden Parfüm der Damen, erliegt dieser so fest im Leben stehende Jugendliche dem schönen Schein des Luxus. Eine sado-masochistische Liaison mit "Ihrer Exzellenz" lässt den jungen Mann jedes Maß verlieren. Er macht Schulden, beginnt zu trinken. Das sozialistische Gedankengut, das ihm Kollege, Freund und Weltverbesserer Elemér nahebringt, verliert an Anziehungskraft. Bélas Versuch, mit dem Feind zu flirten und gleichzeitig seinem Proletarierherz treu zu bleiben, scheitert. Sein Weltbild in Schwarz-Weiß löst sich auf, und Béla steht vor der Frage: "Du lieber Gott, (. . .) die Leute haben ja tausend Seelen, und woher soll ich wissen, welche die wahre ist."Es sind viele Seelen, die Székely in langen Dialogen zeichnet. Er holt so weit aus wie nötig und verknüpft mit meisterhaftem Geschick Einzelschicksale mit den politischen Entwicklungen. Er besticht mit detailgetreuen, lebendigen Beschreibungen von Geschehnissen sowie einer bildhaften Sprache. Da "kauert das Haus wie ein einsames Kamel in der Wüste". Herrlich ist sein bissiger Witz, der aufscheint, wenn von Reichsverweser Miklós Horthy die Rede ist; wunderschön sind die traurig-schöne Gleichnisse, die er für die Gefühlszustände seiner Charaktere findet. Irritierend wirken allein kleine Zeitsprünge in der Erzählung sowie die zahlreichen Wiederholungen, von denen die meisten nur Zierrat sind.Es ist viel von Hass die Rede, an dem sich die Armen berauschen. Er entzündet sich an der Ohnmacht, der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. "Hass", schreibt Já´nos Szé´kely, "bindet fester als Liebe". Die Liebe zu den Menschen stirbt am Ende. Die Liebe zum Leben jedoch ist in Béla unauslöschlich - und wenn es ihn noch so oft zum Narren hält.

János Székely: "Verlockung". Aus dem Ungarischen von Ita Szent-Iványi. SchirmerGraf Verlag, München, 812 Seiten; 24,80 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen

Kommentare