Vom Leben kosten

München - "Dies ist der Heilige Gral der Bariton-Rollen, und das auch noch am bestmöglichen Ort." Für Christopher Maltman ist damit alles gesagt. Doch der Gral will hart erarbeitet sein.

In der Finalwoche jeden Tag Proben, sogar noch am Tag vor der sonntäglichen Premiere von Mozarts "Don Giovanni", das hat der englische Bariton noch nie erlebt. Ebenso überrascht war er von der Inszenierung, die Claus Guth in der Ausstattung von Christian Schmidt besorgt: "Eine der verblüffendsten Bühnen, die ich je gesehen habe." Eine Schwärmerei aus dem Mund eines so besonnen wie klug urteilenden Sängers - folglich muss was dran sein. Dirigieren wird die Produktion, die im Haus für Mozart herauskommt, übrigens Bertrand de Billy, es spielen die Wiener Philharmoniker.

Für Christopher Maltman ist dies erst der zweite Don Giovanni seiner Karriere. Die erste Produktion war "an einem kleinen Ort in Nordengland". Ohne großes Brimborium, "nur mit Schwert, Blumen und ein paar Kostümen", dafür mit einem Regisseur, der mit dem Stück bestens vertraut ist: Thomas Allen, früher selbst ein legendärer Interpret der Titelrolle.

Fast verwunderlich, dass Maltman, der in München unter anderem als Brittens Billy Budd oder Guglielmo in Mozarts "Così fan tutte" zu erleben war, so spät zum Frauenhelden aus Sevilla gefunden hat. "Mit weniger Lebenserfahrung spielt man doch nur etwas Stereotypes, einen Playboy", rechtfertigt sich der 38-Jährige. "Giovanni hat einen Berg von Erfahrungen hinter sich. Er schmeckt das Leben jeden Tag und kostet davon. Er birgt eine unglaubliche Energie. Und er bringt wahnsinnig schnell Gefahr in das Leben anderer. Wer mit Giovanni in Kontakt kommt, wird sofort verändert." Wie alt der tolle Kerl da wohl sein mag? "38 natürlich, und nächstes Jahr könnte er noch 39 werden", lacht Maltman.

Der Brite gehört zur immer größer werdenden Sängerschar, die über den Quereinstieg zur Kunst kam. Sein Vater, ein Buchhalter und Musikliebhaber, nahm ihn in die Oper mit, seine Mutter ist Physiotherapeutin. Maltmans erste Opernerfahrung mit 14 war tatsächlich "Don Giovanni". "Drei Jahre lang habe ich das Stück danach ständig gehört." Zunächst ohne Folgen: Er studierte Biochemie, sang nebenbei in einem Kirchenchor. "Als ich meinen Uni-Abschluss in der Tasche hatte, wusste ich dann: Das Einzige, was ich nicht werden will, ist Biochemiker." Maltman ließ seine Stimme ausbilden, studierte in London und gewann 1997 einen Lied-Wettbewerb. Ein Jahr später wurde er an die English National Opera engagiert. Im Opernzirkus ist Maltman mit Gastspielen von New York über London und Brüssel bis Berlin eine feste Größe geworden. Doch ebenso wichtig ist ihm der Lied-Gesang. "Ich habe die Absicht, immer mehr zu lernen", sagt Maltman im fast akzentfreien Deutsch - um dann gleich wieder in die Muttersprache zurückzufallen. "Jeder in diesem Business spricht besser Englisch als ich Deutsch. Wahrscheinlich bin ich einfach zu faul."

Dass er sich in den Giovanni tief hineingedacht hat und bestens mit Claus Guths Konzept zurechtkommt, ist im Gespräch zu spüren. "Ein sehr menschliches Drama" werde man da in Salzburg erleben, "keine Tragödie eines Übermenschen". Emotional nehme ihn die Probenphase sehr mit, gesteht Maltman. "Vor allem weil man tief in sich hinabsteigen kann. Bis zur dunklen Seite." Wie die aussieht, vermag man man sich freilich bei dem sympathischen Sänger nicht ganz vorzustellen.

"Jeder hat das", lächelt Maltman. "Ich finde das faszinierend, etwas in sich zu haben, dass einen die Welt ignorieren und total frei sein lässt." Um dann gleich wieder einzuschränken: "Ich bin verheiratet, im Februar kommt das dritte Kind. Als Womanizer sollte man mich daher nicht ganz ernstnehmen."

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