Ein Leben ohne Geländer

- Einen Zauber übte das Leben der Bohème stets auf Nicht-Bohé´miens aus. Freiheitsdrang und Genusssucht inklusive einer Portion Pflichtvergessenheit - so der neidvolle Mythos. Auch die Schwabinger Bohè`me zu Beginn des 20. Jahrhunderts suggeriert ein bequemes Wohlleben ausgeflippter Künstler. Elisabeth Tworek rückt in der Monacensia, deren Leiterin sie ist, derzeit dieses Klischee zurecht: "Die Bohème hatte auch ein bitteres Leben, sie hat der späteren 68er-Revolte einiges vorausgelitten, indem sie versuchte, ein Leben ohne Geländer zu führen." Zeugnis legt davon die Ausstellung über den Dichter und Anarchisten Erich Mühsam ab, die den Refrain des Gedichts "Der Gefangene" als Titel trägt: "Sich fügen heißt lügen."

<P>Ein hartes und kämpferisches Leben zeichnet sich an den Exponaten ab, die Marlies Fritzen trotz der bis nach Moskau verstreuten Nachlass-Bestandteile für das Lübecker Heinrich- und Thomas-Mann-Zentrum zusammengetragen hat. Von dort wurde die Schau übernommen, weswegen der Lübecker Jugend des Dichters viel Raum zukommt, während die Münchner Epoche von 1908 bis 1924 durch das in der Edition Monacensia erschienene Begleitbuch, "Wir geben nicht auf!" ergänzt wird. </P><P>Mühsam, 1878 in eine wohlhabende Apothekersfamilie geboren, wählt als Erwachsener den Kampf für eine klassenlose, nichtkapitalistische Gesellschaft und fällt äußerlich als "Feind aller Friseure" und "Wollhemdanarchist" auf. Auch Viktor Mann registriert die "wilde Wirrnis" seiner Haare und den "sehr ungebügelten Konfektionsanzug". </P><P>Sein politisches Engagement, das bereits 1903 die Polizeiaufsicht auf den Plan ruft, seine Teilnahme 1918/19 an Revolution und Bayerischer Räterepublik, die ihm eine Festungshaft einbringt, entzaubern den Bohè`me-Glamour endlich ganz. Dass in dem Utopisten, der 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde, auch viel Witz steckte, beweisen nicht nur seine scharfsinnigen Beiträge für Zeitschriften wie den Simplicissimus, sondern auch seine kindsköpfigen Schüttelreime: "Der Nitter splackt/Der Splatter nickt/wenn splitternackt/ die Natter splickt."</P><P>Bis 17. Oktober. Erich Mühsam: "Wir geben nicht auf!", Texte und Gedichte, Hrsg. Günther Gerstenberg. Allitera Verlag, München. 216 Seiten, 14,90 Euro. <BR><BR></P>

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