Ein Leben im Provisorium

- Die Zahnbürste hängt an einem Baum in einem Körbchen neben der Zahnpasta. Der Besitzer hat kein Bad, er ist immer unterwegs. John Vink erzählt in seiner Foto-Serie "Landlos in Kambodscha" vom Leben der Heimatlosen. Ihre Unterkünfte müssen provisorisch bleiben, hausen sie doch auf minenverseuchtem Gebiet - sind die Minen entfernt, werden die Obdachlosen vertrieben. Das Land hat wieder an Wert gewonnen, die Menschen nicht.

<P>Die Pinakothek der Moderne stellt in der Schau "Architektur der Obdachlosigkeit" die Arbeiten verschiedener Fotografen aus. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Münchner Straßenzeitschrift BISS will die Pinakothek die "Nöte unserer Zeit vor Augen führen", so Generaldirektor Reinhold Baumstark. Die Inderin Dayanita Singh zeigt in zwölf Fotografien das Schicksal des Eunuchen Mona Ahmed, der auf einem Friedhof hausen muss. Wolfgang Tillmanns den Lebensraum Straße in der Großstadt - und unseren Blick auf die Armen: Der Obdachlose, der sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen vor sich herschiebt, ist selbstverständlicher Teil des Stadtbildes geworden. Die Passanten betrachten ihn kühl und distanziert, als hätte er nichts mit ihnen zu tun.</P><P>Einen ganz anderen Ansatz hat Wolfgang Bellwinkel gewählt: Auf seinen großformatigen Bildern schildert er die Materialität der Armut, Details von geblümten Steppdecken oder einer Wolldecke mit dem Aufdruck "Bundeseigentum", der man das Kratzen schon ansieht.</P><P>Die Kreativität, sich draußen einen Raum zu schaffen, führen die Arbeiten des Fotografen-Duos Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch vor. In Asien begaben sie sich auf die Suche nach Behausungen außerhalb der Häuser und fanden Wohnungen in Straßenecken und in U-Bahn-Zwischengeschossen. Eine alte Frau schläft auf einem riesigen Zeitungsstapel, vor einer Mauer um ein Mietshaus hat sich ein Mann ein Zimmer aus blauer Plastikfolie geschaffen, eine Strohmatte dient als aufrollbare Tür. Die inneren und äußeren Wunden, die das Leben in Not hinterlässt, hat sich der ukrainische Künstler Boris Mikhailkov zum Thema gemacht: Die Menschen auf seinen Fotos sind nackt und verletzt. Sie sind ihrer Würde beraubt, nicht nur ihres Hauses.</P><P>Bis 21. September; Katalog: 27 Euro. Informationen: 089/ 23 80 53 60.<BR><BR></P>

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