Leben im Schein der Monitore

- Hätte Franz Xaver Kroetz in den vergangenen zwei Jahren auf Teneriffa nicht so viel deutsches Fernsehen geschaut, hätte er sich vielleicht nicht die Augen verdorben. Wäre sein Blick auf das eigene Theaterschaffen womöglich schärfer und kritischer geblieben. Aber er hätte vielleicht auch nicht diese schönen, Kroetz-grellen Einfälle bekommen.

Der Dichter fürs Derbe hat, wie er bekennt, viel Zeit in seiner Wahlheimat vor der Glotze verbracht, was dem Theater zwei schrille Einakter bescherte, die die Welt nicht braucht. Die aber, richtig gebraucht, der Welt einen Heidenspaß bereiten können. Kroetz selbst inszenierte für das Bayerische Staatsschauspiel im Marstall die Uraufführung seiner "Tänzerinnen + Drücker".

Sieben Menschen haben sich dem Fernsehen ausgeliefert und füllen ihr sinnentleertes Dasein mit den Nonsens-Programmen der Sender. Ob sie essen, träumen, sexuelle Befriedigung suchen oder sich eine politische Meinung bilden wollen - all ihr Tun findet im diffusen Schein der Monitore statt. Unbemerkt von der Außenwelt, entstellt, entwertet, entwürdigt durch das unbarmherzige Flimmern der gauklerischen Fernsehwelt. Aus langen Monologen und Monologfetzen besteht der Text, unterbrochen von den ungeschönten Verrichtungen menschlicher Bedürfnisse und dem Traktieren der Fernbedienung.

Der Regisseur Kroetz schonte glücklicherweise nicht den Autor Kroetz. Der Regisseur etwa strich Passagen, in denen quälende Analverkehrfantasien wiederholt, verschärft und damit fast schon voyeuristisch ausgekostet werden. Er ließ billige Ausschweifungen über eine missratene Kindheit weg. Fand aber leider keine Aktualisierung für die seichten Lebensbeichten bei Pfarrer Fliege, der von seinem Sender ja inzwischen freiwillig aus dem Programm genommen wurde. Gut tat Kroetz jedoch daran, den Teil "Drücker" dem Teil "Tänzerinnen" voranzustellen.

Denn sonst hätte der zweieinhalbstündige Abend von Anfang an gelahmt. So aber konnten sich bis zur Pause all diejenigen amüsieren, die des Dichters Verbal-Fäkal-Attacken als gnadenlose Zuspitzungen der Wirklichkeit erkennen wollten.

Ein schrecklich-schönes Männer-Fernseh-Ballett führen die vier Drücker, Drückeberger, Herumdruckser auf. Sie hämmern im Chor dem Publikum minutenlang die Dumpfheit von Sendungstiteln ein. Rutschen alle ihren Fernsehsessel speckig, wenn die offenherzige Tina sich ihnen auf dem Bildschirm zeigt, wenn dann die Hand dauerhaft in Jogging- oder Anzughose verschwindet, obszön Bananen geschält, Radieserl gerubbelt oder der Wabbelkörper mit Würstchenwasser glänzend gerieben wird. Aber auch Politik oder ihre Christiansen-haften Mutationen finden in diesen Wohnzimmern verschiedenster Milieus statt. Ganz wirr von den mitskandierten Phrasen kreuzen diese mundtot gemachten Wähler wahllos alles an, wenn sie der Souffleur in regelmäßigen Abständen an die Urnen befiehlt. Die hinreißendsten Clowns dieser rabiaten Revue sind Marcus Calvin in seiner Ekstase und Robert Joseph Bartl mit seiner Verzweiflungskomik.

Zu den "Tänzerinnen" aber ist Kroetz szenisch nicht viel eingefallen. Die abgetakelten Damen stieren zu den Pflegeheimfernsehern hoch und halten abwechselnd ihre traurigen Litaneien. Und von allem Spektakel befreit, offenbart sich die ganze Trivialität dieser Massenmedien-Kritik. Selbst Jennifer Minetti und Sibylle Canonica, die noch die skurrilsten, undankbarsten Rollen zum Glänzen bringen, können den Abend vor seiner völligen Banalisierung am Ende nicht bewahren.

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