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Liebevoll gestalteten sie ihr Theaterreich: Irmhild Wagner und Horst A. Reichel im Zuschauerraum.

Ein Leben im Theater

München - Sie waren eine Schwabinger Institution und aus der Münchner Theaterlandschaft nicht wegzudenken. Nun beenden Irmhild Wagner und Horst A. Reichel ihre Arbeit am „Theater 44“.

Angefangen hat alles mit 800 Mark Schulden. Die wollte Horst A. Reichel schnell abbezahlen, weshalb er ein Theater gründete... Schon solcher Idealismus beweist, dass das in einer anderen Zeit geschah als der heutigen, wo man nicht schon in den Miesen sein sollte, ehe man ein Theaterunternehmen wagt. Die Anekdote spielt 1959, als der 23-jährige Reichel sein „Theater 44“ eröffnete. Die Schulden hatte er sich allerdings auch schon mit einem Theaterprojekt eingehandelt. Eine Kollegin, die mit dem Standortkommandanten liiert war, hatte ihn gefragt, ob er eine Art „Wehrbetreuung“ von Soldaten umsetzen wolle. Er jobbte zu dieser Zeit als Beleuchter am Residenztheater und nahm privaten Schauspielunterricht. Nun wollte er Geld verdienen, aber das misslang, weil der Bund nicht wie vorgesehen die Kosten für diese Gastspiele übernahm. Reichels nächster Versuch hatte umso mehr Erfolg: Das charmante „Theater 44“, das sich heute mit seinen schmalen roten Tischlein und Bänken, mit Kerzenschmuck, Samtvorhängen und erotischen Jugendstil-Wandbildern am Ende einer Kellertreppe befindet, wurde zur Schwabinger Institution.

An diesem Wochenende feiern Reichel und seine Frau Irmhild Wagner 50-jähriges Jubiläum. Aber zugleich auch ihren Abschied von Münchens ältestem Privattheater. „Ich habe keine Kraft mehr. Wir sind nervlich nicht mehr belastbar“, sagt Reichel ohne einen Hauch des Bedauerns in der Stimme. „Regie, Dramaturgie, Spielen sind für uns noch immer das reinste Vergnügen“, erklärt seine Frau, Bühnenpartnerin und Co-Prinzipalin. Aber mit den künstlerischen Aufgaben war es eben nie getan. „Es gibt so viele Stressfaktoren: Die Auswahl des Stücks, das Risiko, wie gut es dann läuft, wenn nicht zuvor schon der Verlag mitteilt, dass es gar nicht frei ist zur Aufführung.“

Fürs Erste schließt das „Theater 44“ jetzt seine Pforte.

Immer haben die beiden alles selbst gemacht, den Telefondienst schon beim Frühstück und den Vorstellungsbetrieb bis spät in die Nacht. Die Stücke, die Reichel Anfang der 60er-Jahre auf den Spielplan setzte, waren „Riesenerfolge“, erinnert er sich. „Politisches, das war mein Ding.“ Und die klassische Moderne, etwa „Die Unterrichtsstunde“ von Eugène Ionesco oder „Endspiel“ von Samuel Beckett, das erstmals in München gegeben wurde. „Wir waren hier Trendsetter“, sagt Reichel ein wenig stolz. Und Talententdecker waren sie auch, spielten doch in ihren jungen Jahren Otto Sander, Margarethe von Trotta, Katja Flint, Heiner Lauterbach, Anette Spola und viele andere im „Theater 44“. Otto Sander flog deshalb sogar von der Falckenberg-Schule, denn es war ihm nicht erlaubt, anderswo zu spielen.

Der Neubeginn in der Hohenzollernstraße sei – nach den Anfängen in der Amalien- und Schleißheimer Straße – schon nicht mehr so leicht gewesen: „Vorher waren die Behörden lax, ich wusste gar nicht, dass ich das Theater anmelden musste. Jetzt standen die Lokalbaukommission und der Brandschutz vor der Tür“, erinnert sich Reichel. Aber er boxte sich durch: „Ich bin gebürtiger Schwarzwälder, stur und nicht durch Rückschläge zu halten.“ Eine ähnlich zähe Partnerin fand Reichel 1964 in der damals 22-jährigen Irmhild Wagner, die bei ihm in Jean Cocteaus „Die geliebte Stimme“ spielte. Sie war es auch, die mit ihrem „kleinen blauen Postsparbuch“ Ende jenes Jahres dafür sorgte, dass die Stromrechnung beglichen wurde und das Licht im Theater anblieb. Denn finanziell lief es in fünf Jahrzehnten mal besser, mal schlechter. Film- und Fernsehrollen sicherten das Überleben. „Wir drehten tagsüber, standen abends hier auf der Bühne, und fuhren mit dem Nachtzug zurück zum Dreh“, sagt Wagner.

Einem verhinderten Projekt verdanken die urigen Räume übrigens ihre schönen Wandmalereien: Reichel konnte Oscar Wildes „Salome“ zwar nicht aufführen, aber da er schon ein Buch mit den Illustrationen von Aubrey Beardsley erworben hatte, projizierte er sie auf die Wände und malte sie nach. Kein Wunder, dass die beiden Theatermacher so an ihrem Haus hängen. „Wer das Theater übernimmt, soll es in unserem Sinne weiterführen und an den Räumen nichts verändern“, sagt Reichel. Alle Zukunftspläne hätten sich aber trotz zahlreicher Interessenten bisher zerschlagen. Und so können die beiden zum Abschied leider noch keine Nachfolger präsentieren.

Ihr Resümee? „Es war ein gutes Leben“, sagt Reichel. Und wird ihnen nichts fehlen ohne Theater? „Im Moment nicht. Später wahrscheinlich der regelmäßige Kontakt mit anderen Menschen. Aber endlich können wir selbst viel ins Theater gehen. Zum Beispiel ins Metropol in Freimann, wo wir wohnen.“

Von Christine Diller

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