Aus dem Leben des Theatermachers

- Die Bühne ist ein leerer Raum. Genug Platz für Peers Lügengeschichten, für seinen großen Traum von einem Leben, in dem er er selbst sein kann. Die Bühne ist ein leerer Raum. Genug Platz, um darauf seine Welt zu entwerfen, Hoffnungen, Glück und Utopien. Das Theater - der einzige Ort, ganz man selbst zu sein. Peter Zadek, in zwei Jahren 80 Jahre alt, inszenierte Henrik Ibsens "Peer Gynt" (mit einem neu von Botho Strauß bearbeiteten fünften Akt) an Claus Peymanns Berliner Ensemble; inszenierte damit irgendwie auch sein Leben.

<P>"Peer, du lügst", wirft Mutter Aase mit dem ersten Satz des Stücks ihrem Jungen vor. Und hört doch - süchtig nach seinen Worten - den Prahlereien zu. Sie lebt das gelogene Abenteuer ihres Sohnes mit, so sehr, dass ihr fast das Herz stehen bleibt. Welche Innigkeit, welche Übereinstimmung zwischen Aase und Peer, von welch überragender Schlichtheit: Sozusagen aus dem äußerlichen Nichts, nur aus sich selbst heraus schaffen die Schauspieler Angela Winkler und Uwe Bohm, indem Zadek sie ganz sie selbst sein lässt, eine Stimmung der Liebe, die das gesamte Spiel über anhält. Da bedarf es kaum einer Dekoration. Nur das Nötigste, was die Bühne so hergibt, wird verwendet. Wenn sich Peer seine Mutter einfach über die Schulter wirft, um sie aufs Mühldach zu setzen, damit sie ihm nicht folgen möge, dann trägt er sie einfach in die hinterste Bühnentiefe, an die Brandmauer des Theaters.<BR><BR>Jetzt ist es Zeit, das Publikum zu umarmen. Peers erster Monolog, erste Confé´rence an die Zuschauer. Sie werden bis zum Schluss immer wieder einbezogen, denn dieser Zadek-Peer braucht sie für sein eigenes Welttheater, das er dreieinhalb wunderbare, faszinierende, anrührende Stunden lang hier aufführt.<BR><BR>Mit Herz, Verstand und tiefem Humor</P><P>Die Hochzeitsgesellschaft tritt auf, derbe Bauern, fesche Burschen, kichernde Mädchen. Dazwischen eine Zugereisten-Familie mit zwei Töchtern. Fremd. Streng. Protestantisch. Eine von ihnen, Solveig (Annett Renneberg), sieht in ihrem blauen Kleid wie eine Konfirmandin aus. Auf einem Stuhl thront die reiche Braut Ingrid (Deborah Kaufmann). Es wird gesagt, sie habe sich eingeschlossen, um sich dem ungeliebten Bräutigam zu verweigern. Peer soll ihm helfen, Einlass zu finden. Also setzt er sich auf den Stuhl daneben, fasst durch die Rückenlehne hindurch zwischen Ingrids Beine, verhandelt dabei mit Solveig um einen Tanz und springt, als sie ihn ablehnt, über den Stuhl hinweg zur erwartungsvollen Braut. Schnell zieht er ihr die Bluse aus und macht sich, angesichts dieser schönen Blöße, mit ihr auf und davon. In der Mitte der Bühne versammelt sich das Dorfvolk. Staunend schaut es in den Bühnenhimmel, aus dem schließlich Peers schmutziges Hemd herabfällt.<BR><BR>Nächste Szene, Ingrid und Peer alleine. Halbnackt und auf halber Höhe hangeln sie sich ums Bühnenportal, hängen in der Proszeniumsloge wie an einem Reck. Für die Ehe, die Ingrid ihm nun abpressen will, ist Peer nicht geschaffen. Er haut ab. Zwei Hügel werden rasch auf die Bühne geschoben, über die rennend und Purzelbäume schlagend die Grüne (Judith Stößenreuter) aufreizend hin und her flitzt. Peer Gynt ist im Reich der Trolle angekommen, wo er zusammen mit der neuen Liebsten auf dem Rücken einer herrlichen, rosa Sau, die ein nackter Menschenhintern ziert, ins Königsschloss einreitet.<BR><BR>Viel Raum für kindlich-schöne Fantasien. Masken, auf das Nötigste, also das Einfachste beschränkt, die nie eitel die bildnerische Kunst der Gewerke in den Vordergrund stellen. Ein rasch aus der Gasse geholtes Bügelbrett als Operationstisch. Ein lärmender Kompressor als Trollorgel. Peers Flucht aus dem Geisterreich quer durch die Zuschauerreihen - und alle Trolle hinter ihm her. Aber er entkommt - auf die nun wieder leere Bühne, seinen rettenden Ort, Ausgang für weitere Abenteuer.<BR><BR>Was ihm vor einigen Jahren mit "Alice im Wunderland" an den Kammerspielen in München gründlich misslang, glückt Altmeister Zadek jetzt aufs Schönste: das Wagnis, die sich lebenslang bewahrte Naivität des Theatermachers zum Triumph zu führen - mit Herz, Verstand und tiefem Humor. Mit einem Ensemble, das Menschen, Trolle, Affen, Löwe, Schwein und Pferd gleichermaßen gern zu spielen scheint; dazu auch noch am Boden liegend das tobende Meer oder den stillen Friedhof. Und mit den Protagonisten Angela Winkler und Uwe Bohm, die einem das Gefühl vermitteln, keinen Moment Theater zu spielen, sondern als Aase und Peer immer ganz sie selbst zu sein.<BR><BR>Uwe Bohm ist ein hinreißender Peer Gynt. Ein großer Junge mit Lust auf Geld und Gunst, Gold und Gefahren und dem Witz fürs Leben. Dabei immer im Einklang mit den Zuschauern; ob als Sklavenhändler auf dem Schiff oder als Prophet im Harem, wo er sich vor aufgehendem Halbmond von der schönen Anouschka Renzi als Anitra erregt einnehmen und dann ausnehmen lässt - ehe er verarmt und alt nach Hause zurückkehrt.<BR><BR>Da aber ist nichts mehr, wie es war. Neu-Hägstad heißt das Dorf jetzt, und wenn das Volk feiert, holt es sich 'ne Currywurst. Die Inszenierung ist in der Realität unserer Zeit angekommen. Sein Zwiebelgleichnis spricht Peer Gynt in der Imbissbude. Aber die Hoffnung stirbt nicht. Ein Hochhausprospekt zeigt hinter einem Fenster noch Licht. Peer hört Solveig ihr Lied singen. Erblindet und in vorsichtigen Schritten kommt sie auf ihn zu. Beide sind sie nur in ihrer Körperhaltung gealtert. Ihre Gesichter sind so jung geblieben wie am Anfang. Für immer bei sich angekommen, bettet er sich zum Ende in Solveigs Schoß. Ein ergreifender Moment der Wahrheit. Jubel für einen großen Theaterabend. <BR><BR></P><P> </P>

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