Der dänische Erfolgsschriftsteller Jussi Adler-Olsen erzählt in „Das Washington-Dekret“ von einem eigentlich integren US-Präsidenten, der in seinem Land dennoch eine Diktatur errichtet.

Adler-Olsen: Leben mit dem Tugendterror

Jussi Adler-Olsen legt mit „Das Washington-Dekret“ einen Politthriller und eine Parabel über Machtmissbrauch vor

Kann man die Menschen zu ihrem Glück zwingen? Darf man das überhaupt? Und wenn ja: Wer entscheidet, was das Glück ist? Dafür, dass der dänische Schriftsteller Jussi Adler-Olsen, Jahrgang 1950, mit „Das Washington-Dekret“ eigentlich nur einen effektvollen Politthriller abgeliefert hat, stellt er zwischen den Zeilen ziemlich weitreichende und existenzielle Fragen. Und gelegentlich schrickt man bei der Lektüre tatsächlich hoch, wenn man über Passagen stolpert, in denen Adler-Olsen dem US-Präsidenten nach einem Staatsstreich Worte in den Mund legt, die wohl jeder zunächst unterschreiben könnte.

Denn der Clou an dieser Geschichte eines gerade gewählten Präsidenten, der das Land in kürzester Zeit in einen Polizeistaat umbaut, ist natürlich: Der Mann meint es wirklich gut, daran lässt Adler-Olsen keinen Zweifel. Und dass es ausgerechnet ein liberaler Politiker mit hehren Zielen ist, der hier den Menschen die Luft zum Atmen, die Freiheit nimmt, das macht dieses Buch so außergewöhnlich – es zwingt zum Denken.

Einen reaktionären Diktator nicht zu mögen, der Minderheiten verfolgt oder einfach nur Spaß an Willkür-Herrschaft hat, ist kein Kunststück. Doch mit einem offenkundig integren Mann, der traumatisiert vom Mord an seiner schwangeren Ehefrau beschließt, endlich eine gewaltfreie Gesellschaft zu schaffen, mit dem muss sich der Leser auseinandersetzen. Denn gerade aus europäischer Sicht ist vieles, was der US-Präsident in dieser Geschichte fordert, nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar ausgesprochen vernünftig: eine umfassende Gefängnisreform, die auf die Resozialisierung von Kleinkriminellen setzt; ein Verkaufsverbot von Munition, später auch von Waffen; die kostenlose medizinische Grundversorgung; der Schutz der Menschen vor Gewaltverbrechen.

Doch bei der Umsetzung dieses Programms treten Nebenwirkungen auf, die dem Leser Unbehagen bereiten: Zur Abschreckung (und zur Leerung der überfüllten Gefängnisse) werden alle Todesurteile zeitnah vollstreckt. Immigranten, die sich nicht ausweisen können, werden einfach vor der Grenze in der Wüste abgeladen. Um die Stimmung im Land nicht kippen zu lassen, werden nach und nach alle Medien abgewürgt. Es entsteht ganz langsam, aber nachhaltig ein allumfassender Tugendterror, der die USA genau das kostet, was sie an sich in ihrem Innersten ausmacht: das Recht auf persönliche Freiheit.

Es ist bemerkenswert, wie es dem Europäer Adler-Olsen gelingt, glaubwürdig und schlüssig zu vermitteln, woher dieses tief sitzende Unbehagen der Amerikaner vor staatlicher Bevormundung rührt. Festgemacht wird das am Pressechef des Präsidenten: hoch motiviert, liberal, keiner, der viel übrig hat für Waffen oder geschmacklose Krawallsendungen im Fernsehen (die als erstes verboten werden). Dennoch hat er Skrupel, findet bald falsch, was sein einstiges Idol da treibt. Denn es widerspricht dem Geist der Verfassung, dem Sinn von Demokratie. Auch wenn die Quertreiber im Kongress lästig sind, kann man das Parlament nicht einfach schließen. Beiläufig zeigt Adler-Olsen außerdem die Mechanismen der Unterdrückung auf. Selbst Menschen, die wissen, dass sie dabei helfen, Unrecht zu tun, machen damit einfach weiter. Denn das Bedürfnis nach Sicherheit ist in der Regel größer als das nach Freiheit.

In „Das Washington-Dekret“ wird der Moment, als die Behörden, Sicherheitskräfte, das Militär den Schwenk zur De-Facto-Diktatur vollziehen, nicht weiterverfolgt. Jussi Adler-Olsen erzählt von keinem nennenswerten Widerstand – und ein Blick in die jüngere europäische Geschichte lässt befürchten: zu Recht. Die parallel erzählte Geschichte des Mannes, der für den Mord an der Präsidentengattin verantwortlich gemacht wird und unschuldig in den Mühlen des neuen, vorgeblich gerechteren Justizsystems zermahlen wird, ist dabei ein gekonnter Kontrapunkt.

Überhaupt ist Adler-Olsen ein Könner. Er schreibt zielgerichtet, ohne Pirouetten und zieht den Leser sofort in seine Erzählung. Ob die Auflösung – natürlich eine Verschwörung – glücklich geraten ist, muss jeder selbst entscheiden. Interessant ist jedenfalls das Fazit, das an einen Satz des Philosophen Karl Popper erinnert: Der Wert der Demokratie bemisst sich nicht darin, die Besten an die Regierung zu bringen, sondern zu verhindern, dass die Schlechtesten dorthin gelangen. Was uns zur Frage führt: Wer beurteilt das? Es bleibt schwierig.

Zoran Gojic

Jussi Adler-Olsen:

„Das Washington-Dekret“. Aus dem Dänischen von Hannes Thiess und Marieke Heimburger. dtv, München, 649 Seiten; 19,90 Euro.

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