Ein Leben im Widerspruch

- "Das Ganze ist das Unwahre." "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Schlagende Sätze, die längst ins Bewusstsein der Gegenwart eingegangen sind. Der, von dem sie stammen, scheint heute, am Tag vor seinem 100. Geburtstag, weniger zu fassen denn je. Drei Biografien beschreiben jetzt das Leben des Theodor W. Adorno, der am 11. September 1903 in Frankfurt geboren wurde, und jede entwirft ein anders Bild von diesem merkwürdigen, hochinteressanten Menschen, der in der Fülle an Eigenschaften und Begabungen schon zu Lebzeiten als schillernde Persönlichkeit erschien.

<P>Ein Anti-Autoritärer</P><P>Was sich in der Gesamtschau bietet, ist ungemein vielfältig: Adorno war ein Bürger, der Goethe und Thomas Mann zu seinen Lieblingsschriftstellern zählte und trotzdem das Bürgertum scharf kritisierte. Als Denker war Adorno ein "westlicher Marxist", der Marx als Wissenschaftler, nicht als politischen Führer verstand. Im Gegenteil: Ideologiekritik bildete einen Kern seiner Theorie. Adorno war ein Undogmatischer par excellence, ein Skeptiker. Nie hat er mit den Totalitarismen, rechten, linken oder technokratischen, auch nur geflirtet.<BR><BR>Zeitlebens war Adorno "von jeder Art Erfolgsgläubigkeit frei". "Das Gelingen ist in keiner Hinsicht ein Index des Guten und Richtigen." Das ließ sich um so leichter sagen, als er selbst ein frühes Wunderkind war, das sich mit außerordentlicher Begabung gleichermaßen für Philosophie und Musik lange nicht zwischen diesen beiden Passionen entscheiden mochte. Seit der Schule war er mit dem Filmtheoretiker Siegfried Kracauer (1889-1966) befreundet, der ihm früh philosophische Privatstunden gab. 1921 bis '23 studierte Adorno Philosophie und Musik in Frankfurt. Nebenbei schrieb er Musikkritiken, komponierte auch selbst. </P><P>Nach der Promotion studierte er in Wien bei Alban Berg, mit dem er befreundet war. Doch schließlich entschied er sich für die Philosophie. Als er Max Horkheimer kennen lernte, war das der Beginn einer symbiotischen Freundschaft: Sie schrieben Bücher zusammen, und Adorno trat ins neue "Institut für Sozialforschung" (IfS) ein, eines der modernsten Forschungsinstitute. 1933 entzog man ihm die Lehrerlaubnis. Mit dem Rest des IfS ging er ins Exil, lebte sei 1937 in den USA. Dort freundete er sich unter anderem mit Thomas Mann an, für dessen "Doktor Faustus" er zum wichtigsten "geheimen Rat" wurde.<BR><BR>Die Jahre zwischen 1939 und 1949 wurden Adornos produktivste. Gemeinsam mit Horkheimer schrieb er die berühmte "Dialektik der Aufklärung" (1944), durch seine These von der "Verschlingung von Aufklärung und Mythologie" einer der Grundtexte des Jahrhunderts. Und sein an Montaigne und Nietzsche geschultes, brillantes Aphorismenbuch "Minima Moralia" ist eines der auch stilistisch schönsten Philosophiebücher. </P><P>Der Kern dieses Denkens ist Kulturkritik: Kritik an den Mechanismen der Unterwerfung und der Herrschaftsausübung, antitotalitäres Denken, das er später in seinen systematischen Büchern "Negative Dialektik" und "Ästhetische Theorie" ausarbeitete. Sein Werk ist ungerührte Bestandsaufnahme von Tendenzen zu Entfremdung und Entmenschlichung, doch zugleich unermüdliches Anschreiben gegen den eigenen tiefschwarzen Pessimismus.<BR><BR>1949 kehrte er mit dem IfS nach Frankfurt zurück und wurde zu einem der führenden westdeutschen Denker, einflussreich weit über seinen Herztod am 6. 8. 1969 hinaus. Heute ist er ein Klassiker, neben dem von ihm verabscheuten Antipoden Heidegger der wichtigste deutsche Philosoph des 20. Jahrhunderts.<BR><BR>Drei Biografien versuchen eine Gesamtschau von Leben und Werk. Die umfangreichste schrieb Stefan Müller-Doohm: gründlich und abgewogen, ohne klare These, dafür immens detailliert. Thesenreich ist der schmalste und ungnädigste Band: Lorenz Jägers Buch, das in Adorno den Prototyp seiner Epoche sieht, seine Bedeutung mit dieser aber auch für abgeschlossen hält. Ein wirklich exzellenter Wurf ist Detlev Claussens Biografie. Er wagt eine philosophische Interpretation des Philosophen: Adorno als Anti-Autoritärer, der kein 1968 brauchte, um Denken und Leben in Frage zu stellen. </P><P>Claussen und - etwas kritischer - Müller-Doohm zeichnen auch ein klares Bild des Menschen Adorno: vergeistigt und eitel, sehr praktisch, wenn es nötig war, charmant und grob, exzentrisch nicht zuletzt, ein treuer Freund und Geliebter. Und offen genug, dass ihn die Kritik an der "Kulturindustrie" nicht daran hinderte, gern "Daktari" zu sehen.</P><P>Ihn hielt auch die Liebe zu seiner Frau nicht von amourösen Abenteuern ab. Abgerundet wird dies durch den Briefwechsel mit den Eltern: Auf über 500 Seiten liest man da Betrachtungen über Politik und Philosophie, Anekdoten über Begegnungen mit der Garbo und Chaplin, die Freundschaft zu Brecht und Mann, Kortner und Lang, und es formt sich das Bild eines liebevollen, hochintelligenten, nie ganz zu fassenden Menschen. Erst diese Widersprüchlichkeit ist das Wahre.<BR></P>

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