Das Leben zulassen

- Lächelnd und ganz entspannt sitzt Heidelinde Weis in ihrer Garderobe. So viel hat sie schon erlebt - auf Bühnen in der ganzen Bundesrepublik und vor den Filmkameras gestanden, Drehbuch geschrieben, Lieder getextet und vorgetragen, eigene Krankheiten überwunden und ihren Mann Hellmuth Duna bis zu seinem Tod jahrelang gepflegt -, dass sie ein bisschen Premierenstress nicht aus der Ruhe bringt. Neben Max Tidof als Tanzlehrer spielt die Österreicherin die schlagfertige, einsame "Schülerin" Lily. "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" von Richard Alfieri hat heute um 20 Uhr in der Komödie im Bayerischen Hof Premiere (Tel. 089/ 29 28 10).

<P>Nach dem Tod Ihres Mannes 1998 wurde viel über Ihren Wiedereinstieg in die Schauspielerei geschrieben. War es überhaupt einer? Sie waren ja durchaus auch in den 90er-Jahren aktiv.<BR><BR>Weis: Wiedereinstieg ist falsch. Ich habe zehn Jahre auf Sparflamme gearbeitet. Aber in dieser Zeit ist sehr viel an mir vorbeigerauscht. Produzenten haben gewechselt. Das Casting wurde immer bedeutender. Ich musste mich neu orientieren. Meine erste Arbeit war denn auch eine Regie hier an der Komödie. Jetzt ist es so, als hätte ich nie eine Pause gemacht. Aber ich bin eigentlich faul geworden und genieße Kärnten, wo ich lebe, wenn ich nicht arbeite.<BR><BR>Sie haben immer wieder an diesem Haus gearbeitet. Sind Sie ihm auf besondere Weise verbunden?<BR><BR>Weis: Stimmt, ich habe schon die zweite Vorstellung nach der Eröffnung hier gespielt. Und Frau Bönisch ist eine außergewöhnliche Theaterleiterin. Wenn mir allerdings diese Rolle nicht so gut gefallen hätte, hätte ich sie nicht gespielt. Weil die Arbeit enorm ist.<BR><BR>Würde Sie das Inszenieren wieder reizen?<BR><BR>Weis: Wenn alles so sein könnte, wie ich es will und mir vorstelle, sofort. Viel lieber als spielen. Nach der Premiere sagt man "Auf Wiedersehen" und muss nicht jeden Abend zittern.<BR><BR>Sie spielten immer wieder auch Boulevardtheater. Was schätzen Sie daran?<BR><BR>Weis: Wenn ich "Boulevardtheater" höre, bekomme ich Ausschlag. Der Begriff wurde falsch eingedeutscht. Er wurde in Frankreich erfunden, weil die Theater auf den Boulevards standen. Ob dort nun Shakespeare, Anouilh oder Sartre gespielt wurde. Na ja, Schiller vielleicht weniger (lacht). Das Genre wird einem hierzulande madig gemacht. Es gibt eben gute und schlechte Komödien. Die Privattheater müssen vor allem dafür sorgen, dass viele Leute ins Theater gehen. Und das ist zunächst einmal etwas Gutes, nicht wahr?<BR><BR>Sie haben im Lauf der Zeit viele Dinge gemacht. Was war Ihnen am wichtigsten?<BR><BR>Weis: Diese Arbeit gehört zum Schönsten. Und das hätte ich vor einem Jahr noch nicht einmal sagen können. Aber wenn ich so überlege: Ich habe einmal für den BR "Das Fräulein" von Ivo Andric gespielt. Der Film lag so lange im Archiv, dass er bei seiner Ausstrahlung kaum mehr Beachtung fand. Für mich war er bedeutend. Weil ich dabei ein großes Selbstbewusstsein für mein Gesicht bekommen habe. Ich fühlte mich ganz blank.<BR><BR>Hat sich dadurch etwas verändert für Sie?<BR><BR>Weis: Jeden Tag verändert sich etwas. Und je ehrlicher man mit sich selber dabei ist, desto interessanter wird es. Je mehr man sein Leben zulassen kann, desto einfacher wird es. Wenn das Hecheln nämlich aufhört.<BR><BR>Welche Veränderungen stehen jetzt an?<BR><BR>Weis: Bis März spiele ich hier. Im August drehe ich einen Film. Und was dann kommt, weiß ich nicht.</P><P>Das Gespräch führte Christine Diller</P>

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