Lebende Gesangsskulpturen

- Das verlorene Paradies wird ganz einfach in die Münchner Umlaufbahn geschickt. Das eigenartige Konstrukt zwischen Raumschiff und Gewächshaus macht zunächst Halt beim Alten Botanischen Garten, um dann auch in der Peripherie der Stadt anzulanden. Ob es Stefan Wischnewski damit gelingt, Diskussionen auszulösen - und nicht Aggressionen? Nicht alle "Ortstermine" wurden bisher positiv aufgenommen. Aber man weiß ja: Jede Reaktion bewegt mehr als gar keine.

Und bewegt hat das Kulturreferat München immerhin etwas: Mit der Kunst im öffentlichen Raum sollten Schwellenängste abgebaut und Kunst und Alltag verbunden werden. 15 Projekte 2004, weitere zwölf heuer sind ein Erfolg, mit dem Kulturreferentin Lydia Hartl "gar nicht so gerechnet hat". Wenn jetzt ab Herbst die nächste Staffel, dann 2006 die letzten beiden Pläne verwirklicht werden, hat man viele Hindernisse wie Sicherheitstechnik, Genehmigungspflichten und Eigentumsrechte überwunden und zugleich erforscht, wie weit der öffentliche Raum überhaupt noch zugänglich ist. Außerdem sei es ein "leiser, aber wichtiger" Beitrag, dass man in den Verwaltungseinrichtungen Vorurteile gegen Kunst ab- und Netzwerke aufbauen konnte.

Und in der Bevölkerung? Bei der jetzigen zweiten Staffel von Interventionen regt Benjamin Bergmann mit einer doppelten "Tunnelfassade" an der Ludwigsbrücke (Steindorfer Straße) zum Nachdenken über Illusion und Historie, über Architektur und Beleuchtung an. Diese Arbeit wird als erstes der Projekte den Münchnern dauerhaft erhalten bleiben. Ansonsten hat man sich für "zeitnahes Reagieren" mit temporären Installationen entschieden. Dazu gehören weiterhin Joachim Manz' Zimmerspringbrunnen (Gabelsbergerstr. 40) und die Plakate des Künstlerduos "Empfangshalle" (aktuell bei der TU, der Staatsbibliothek und am Kurfürstenplatz).

Sehr still kommt Olaf Nicolai mit einem bildreichen, gold-türkisfarbenen Stadt-Tagebuch daher, das er anhand von Aufzeichnungen eines unbekannten Doppelgängers zusammengestellt hat (im Kulturreferat). Richtig laut wird es mit dem "Homeless Karaoke Club", der ab November in improvisierten Bars mit dem Publikum spielen wird, sowie mit Frank Helfrich und Walter Siegfried, die zum Gasteig-Jubiläum als Klang- und Gesangsskulpturen wandeln werden. Diese musikalischen Projekte, die "bisherigen Stiefkinder der öffentlichen Förderung", liegen Hartl besonders am Herzen. Sie ermutigte alle, sich weiter zu bewerben.

Zusammenfassend gibt es im ZKMax die Erläuterung zur "Öffentlichkeit als Medium". Vorträge sowie permanente Videos sollen Performances näher bringen. Von den 70er-Jahren, als die Wiener Aktionisten in München eine neue Plattform fanden, bis heute spannt sich der Bogen. Nächstes Jahr schließen die "Ortstermine" mit zwei schon genehmigten Projekten zur jüdischen Geschichte und Kultur sowie zur politischen Selbstdefinition in der EU ab. Ob's danach weitergeht? Das Kulturreferat wird's versuchen, SPD und Grüne haben sich willig gezeigt.

Infos unter www.ortstermine-muenchen.de

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