Lebendige Tradition

- "Mary von Stuck und ihre Tochter Olga" ist die letzte Ausstellung, die Jo-Anne Birnie Danzker, bis zum Jahresende Direktorin des Münchner Museums Villa Stuck, in "ihrem" Haus eröffnet. Sie wird es an ihren Stellvertreter Michael Buhrs übergeben. Aber so, wie es jetzt in restaurierter Pracht und mit einem funktionalen Atelier-Ausstellungstrakt dasteht, ist es ihr Werk. 1992 wurde der gebürtigen Australierin von der Stiftung Villa Stuck unter Federführung der Stadt die marode Residenz des bayerischen Malerfürsten (1863-1928) anvertraut.

Interessante Ausstellungen sollten zu sehen sein. Die Jugendstil-Tradition und das Andenken Stucks sollten gewahrt werden. Und die Bausubstanz musste irgendwann saniert werden.

Birnie Danzker "entdeckte" für München also nicht nur heute zu Stars gewordene Künstler wie Pipilotti Rist oder den documenta-Macher Okwui Enwezor, sie traute sich nicht nur Minimalisten wie Sol Lewitt oder afrikanische Objekte in die Edel-Räume zu setzen, sondern sie packte auch den Quasi-Neubau des Neuen Ateliers (jetzt Halle für Wechselausstellungen) an sowie die noch viel schwierigere Instandsetzung des Anwesens von Stuck.

Es ist vollbracht. Und die Bilanz von 13 Jahren Planungs- und Bauarbeiten liegt in einem opulenten Bildband mit hinreißend schönen Fotos ­ ein Teil sogar von Fotokünstlerin Candida Höfer ­ und aufschlussreichen Textbeiträgen vor. Das Buch ist die erste Publikation seit 15 Jahren und die erste in diesem großen Umfang überhaupt. So ein altes Künstlerschlösschen, das schon die Zeitgenossen Stucks bewunderten, birgt unzählige Geschichten. Etwa wenn Henry van der Velde (1863-1957) von seinem Besuch beim Kollegen schreibt: "Zwei junge Damen warteten im Vorzimmer Stucks auf einem großen Sofa auf den Augenblick, in das ,Allerheiligste’, das Atelier des Meisters, eingelassen zu werden. Ein galonierter Diener nahm meine Karte in Empfang. … Nach ein paar Minuten kehrte der Diener zurück und verkündete feierlich: ,Herr Professor von Stuck lässt Herrn Professor van de Velde (er betonte den Titel), bitten, einige Augenblicke Geduld zu haben…" Und süffisant schildert er, wie die Damen sich plötzlich wanden: Vor van de Velde, einem Heroen der Moderne, wollten sie nicht als Stuck-altmodisch dastehen.

Natürlich gibt es neben solchen Anekdoten auch viel Neues über Stucks Raum-Inszenierungen zu berichten, etwa das Eintauchen des Besuchers in mystisch dunkle, farbig schimmernde Zimmer, in denen Goldmosaike aufblitzen. Erforscht wurden außerdem zum Beispiel Materialkombinationen, die Antiken-Abgüsse, der gemalte Sternenhimmel und die geheimen Bezüge, die Franz von Stuck mit alldem herstellten wollte.

So bleibt er im Mittelpunkt der Villa Stuck, auch wenn Birnie Danzker jetzt Mary, seine Frau (verwitwete Lindpaintner), und ihre Tochter Olga herausstreicht. Beide dunkelhaarige Schönheiten; Mary eine innig verehrte Königin der Münchner Gesellschaft. Dennoch war es wohl Mary, die dem Künstler half, mit Fotografien seine Gemälde zu konzipieren. Und wenn der Besucher dieser Frau ­ sie starb kurz nach Franz ­ in die Augen schaut, durchzuckt ihn ihre Energie. Stuck hat in seinen grandios direkten Pastellzeichnungen, die nicht wie die Gemälde symbolistisch "gefärbt" sind, seine Mary unnachahmlich und packend porträtiert.

Bis 1. April 2007, Telefon 089/ 45 55 510.

Der Bildband ist bei Hatje/Cantz erschienen: im Museum 36, sonst 49,80 Euro.

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