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„PG and the Trolls Band“: Ibsens Peer Gynt (Ingvar E. Sigurdsson, Mitte) wird in Irina Brooks Version zum Rockstar. Hier mit Shantala Shivalingappa, die den Dämon genauso darstellt wie die liebende Solveig.

Lebens-Zirkus eines Stars

Salzburg - Irina Brook inszenierte auf der Halleiner Perner-Insel Ibsens „Peer Gynt“ vor allem als Nummernrevue mit Schauwert. Lesen Sie hier die Kritik:

Da steht er noch mal wie ein kleiner Bub auf dem Schlitten, den es nur in seiner Vorstellung gibt. Klatscht ungeduldig in die Hände, hippelt und wippelt herum. Endlich losfahren will er. Der Schlitten ist sein altes Kinderbett, in dem nun die sterbende Mutter liegt – und natürlich bewegen die beiden sich kein Stück aus der Hütte. Doch in Peer Gynts Geschichte brausen Mutter und er zum Schloss, wo sie zum Gelage bei König und Prinz geladen sind. Leidenschaftlich treibt Gynt das Pferd an, schildert die Landschaft, erläutert der Mutter die Geräusche. Gewiss, er erzählt eine seiner Lügengeschichten. Dennoch hat man bei dieser hier den Eindruck, dass er zum ersten, einzigen Mal nicht nur aus Eigennutz lügt: Der Mutter will Gynt das Sterben erleichtern, ihr vorgaukeln, dass sie geachtete Leute sind. Und sich will er mit dieser Mär beruhigen. Selbst kurz darauf, als er vom imaginären Schlitten steigt, um seiner Mutter im Bettlein die Augen zu schließen, vergisst er nicht das Pferd, entsprungen seiner Fantasie, das den Schlitten auf dieser fabulierten Fahrt gezogen hat: „Schwarzer, du kannst jetzt ausruhen. Die Reise ist vorbei.“

Es ist in seiner Einfachheit und – trotz der Lüge – Ehrlichkeit das berührendste Bild dieses Theaterabends. Und es ist ein Bild, das gerade in seiner Schlichtheit und Konzentration heraussticht aus diesen dreieinhalb Stunden. Irina Brook hat mit ihrer internationalen Truppe aus Schauspielern, Sängern und Musikern Henrik Ibsens „Peer Gynt“ (1867) für die Salzburger Festspiele inszeniert. Premiere war am Montag in der alten Fabrikhalle auf der Perner-Insel in Hallein.

Brook, die 1963 als Tochter der Schauspielerin Natasha Parry und des legendären Theatermachers und -theoretikers Peter Brook geboren wurde, hat ein vollkommen anderes Verständnis von Theater als etwa Andrea Breth, deren „Prinz von Homburg“ die erste Schauspiel-Premiere dieses Salzburger Sommers war (wir berichteten). Während Breth eine Texttiefen-Taucherin ist, die Stück und Figuren wieder und wieder befragt, um höchste intellektuelle Klarheit zu erlangen, stellt Brook das Sinnliche, Zirzensische des Theaters in den Mittelpunkt. Es ist spannend und spricht für Salzburgs neuen Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, dass er in seinem ersten Jahr diese gegensätzliche Theatertraditionen vorstellt.

Brook hat eine eigene Fassung von Ibsens (1828-1906) dramatischem Gedicht erstellt. Sie erzählt Peer Gynts Geschichte als die eines Rockstars, der es als „PG and the Trolls Band“ zu Ruhm und Reichtum bringt. „Be“ steht auf dem Shirt, das Ingvar E. Sigurdsson als PG bei einem Konzert trägt. Ich selbst zu sein, das bedeutet für Brook in unserer Zeit, berühmt werden zu wollen, bejubelt zu werden. Also schickt sie Gynt auf Welttournee, mit Exzessen, peinlichen Pressekonferenzen und abgefahrenen Partys im Club der Trolle.

Eine nachvollziehbare Interpretation. Das Problem der Inszenierung ist aber, dass Brook den Nummerncharakter des Stationendramas zu sehr betont, in dem sie ihr Ensemble gleich einer Zirkustruppe auftreten lässt: Da wird musiziert, gesungen, getanzt – all das mit Schauwert, natürlich, und auf gutem Niveau. Doch laufen die Szenen oft ins Leere, weil es der Regisseurin nicht gelungen ist, sie wirklich zu verknüpfen, den Stoff zu fassen und die Geschichte dieses Mannes konsequent zu entwickeln.

Berührendes, Durchdachtes oder Szenen, die eine Ahnung von Gynts Seelenpein vermitteln wie dessen Schlittenfahrt mit der sterbenden Mutter, bleiben Ausnahmen. Allzu oft liefert Brook Futter für Augen und Ohren, das reichhaltig wirkt, doch letztlich ohne Nährwert ist. Dieser aber unterscheidet das Theater vom Zirkus.

Hinzu kommt, dass ihr oft nur Klischees und Klamauk eingefallen sind. Ingrids Hochzeit zu Beginn ist ein Kindergeburtstag für Erwachsene. Bei allen Groupies gilt: Je größer die Brüste desto kürzer die Röcke desto dämlicher. Und die Pressekonferenzen des Rockstars PG sind hysterisches Gekreische, Gekreische, Gekreische. Danke, kennen wir, weiter – zum nächsten putzigen Abziehbildchen: Als Gynt die Wahrheitssucher trifft, wird das bei Irina Brook zu einem Volkshochschul-Yoga-Kurs – nur sehr viel kitschiger, weil sie es ja unbedingt ganz, ganz spirituell haben will.

Das 14-köpfige Ensemble kommt aus aller Welt. Gesprochen wird Englisch, es gibt deutsche Übertitel. Ingvar E. Sigurdsson entwickelt als Gynt zwar stellenweise eine schier unglaubliche Bühnenpräsenz. Um die Entwicklung seiner Figur vom Buben zum Greis darzustellen, fehlt es ihm aber an Ausdrucksmöglichkeiten. Im Gegensatz zu Shantala Shivalingappa. Als Dämon tanzt sie ein furioses Solo, und ihre Solveig ist das Mensch gewordene Triumvirat aus Glaube, Liebe, Hoffnung. Keine Sekunde Zweifel, dass diese zierliche Frau tatsächlich Erlösung spenden kann.

Eindrucksvoll ist an diesem Abend zudem die Arbeit zweier Männer, die gar nicht auf der bis zur Brandmauer aufgerissenen Bühne gestanden sind: Der Autor und Schauspieler Sam Shepard hat zwölf Gedichte zu diesem „Peer Gynt“ beigesteuert, Punkrock-Legende Iggy Pop komponierte zwei Songs für die Produktion. Und oft blitzt in diesen Texten mehr vom Gynt’schen Wesen auf als in all den vielen bunten Bildern.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

Am Mittwoch sowie am 2., 3., 4., 5., 14., 15., 17. und 18. August; Karten unter Telefon 0043/ 662 8045 500

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