Lebens-Bitternis einer alten Frau

- "Auslöschen?! Herr Wachtmeister, traust dich du her? Traust dich du her? Da ist der Ofen! Da haben sie Zigeuner verschürt." Es war nur wenige Jahre nach dem Krieg, als die Roma-Sippe im Wald bei Bad Tölz Familientreffen hielt und über offenem Feuer Kaffee kochte. Diese Erzählung ist der einzige Moment, wo Jennifer Minetti frontal zum Publikum spricht. Empört, brüllend, sich mit der Hand heftigst an die Brust schlagend. Je langsamer, umso massiver, sodass ihre Erinnerung, das heißt jene der Figur, die sie spielt, von den Zuschauern begriffen und vorstellbar wird - als Anklage und Mahnung.

<P class=MsoNormal>Dies ist der stärkste, der emotionalste Augenblick in "Das Rad des Glücks". Der szenische Monolog von Werner Fritsch wurde in der Regie des Autors jetzt vom Bayerischen Staatsschauspiel im Marstall uraufgeführt.</P><P class=MsoNormal>Es handelt sich um den Lebensrückblick einer alten Frau, genannt Courasch. Eigentlich könnte es ihr gut gehen. Ein Zimmer im Altersheim. Körperlich okay. Die 80 Zigaretten pro Tag schmecken noch immer - "geräuchertes Fleisch hält sich länger", sagt sie. Ein Zynismus, der bitter anspielt auf ihre Vergangenheit, hinter dem sie sich versteckt und Schutz sucht vor den Erinnerungen. Vergebens. Denn ihr Gedächtnis führt sie immer wieder zurück nach Auschwitz, nach Birkenau. Zurück zu den ermordeten Kindern, zu den Männern, die sie liebte, die sie verrieten, die starben, die bis in die Gegenwart Gegenstand ihrer Sehnsucht sind.</P><P class=MsoNormal>Gebrochen wird die Qual der Vergangenheit durch die Schwere der Gegenwart: durch die Anwesenheit der Enkelin Mira, die gekommen ist, um hier unbehelligt von der Polizei ihr Kind zu gebären. Während diese textlose Rolle sich in Geburtsstöhnen und in ihrem bloßen Symbolgehalt erschöpft - Judith Al Bakri entledigt sich dieser so undankbaren wie heiklen Aufgabe mit einigem Geschmack -, hat der Autor der Courasch sämtliche Facetten eines tragisch verlaufenen Lebens vorbehalten. Mit einer Sprache, die in ihren eigentümlichen Wendungen der Frau soziale und charakterliche Kontur verleiht.</P><P class=MsoNormal>Die unvergleichliche Jennifer Minetti ist - fern aller "Zigeuner"-Klischees - für diese Rolle eine überzeugende Besetzung. Hinter der Kraft dieser Frau lässt sie die Zerbrechlichkeit durchschimmern, hinter ihrer Strenge das Gefühl, hinter dem Drastischen die Zärtlichkeit. Das Leben als Glücksrad: Ohne diesen Glauben - das macht die Minetti eindrucksvoll deutlich - hätte ihre Courache nicht weiterleben können. Ein berührendes Denkmal.</P>

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