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Hyperaktiver Clown der Opernszene: Rolando Villazón (45) ist mittlerweile auch als Autor und Regisseur unterwegs.

Neuerscheinung

Villazóns zweiter Roman: Der will nur spielen

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Mit dem Singen läuft es seit einiger Zeit etwas suboptimal. Doch Rolando Villazón hat sich andere Betätigungsfelder gesucht - als Regisseur und als Autor. Gerade ist sein zweiter Roman „Lebenskünstler“ erschienen, eine wuchernde Kreuzung aus „La bohème“ und E.T.A. Hoffmann. Hier die Kritik:

Bei Puccini würden sie in einer zugigen Mansardenwohnung sitzen. Sie würden philosophieren, sich Baguette und Billigwein teilen und – wenn das Geld fürs Feuerholz zu knapp geworden wäre – sogar ihre Buchmanuskripte verbrennen. Im Grunde hat Rolando Villazón also nur den Schauplatz gewechselt, von „La bohème“ in Paris zur spanischen Kneipe „Cava de los Espejos“. Die Typen sind aber einander ausgesprochen ähnlich. Allesamt verschrobene Freizeit-Philosophen mit Macken, wenig finanziellem Hinterhalt, übergroßem Mitteilungsdrang und ebensolchem Liebesbedürfnis. Lebenskünstler eben, so wie es auch der Titel dieses ungewöhnlichen Buches verheißt.

Es ist schon Rolando Villazóns zweiter Roman. Vom „berühmtesten Tenor der Welt“ spricht der Verlag. Aber seit Längerem ist klar, dass sich der gebürtige Mexikaner Nebenwege sucht, die immer mehr zu Karriere-Hauptstraßen werden. Von seinen Stimmkrisen hat sich der 45-Jährige nie richtig erholt. Komik und Überdrehtheit sichern Villazón weiterhin die Zuneigung der Fans plus diverse Fernsehauftritte, kaschieren aber auch die oft beklagenswerte Vokalform. Als Regisseur ist ihm dafür Bemerkenswertes gelungen (natürlich im Buffo-Fach), die Kollegen rühmen sein Einfühlungsvermögen und seine Fantasie – gerade hat Villazón in Düsseldorf Donizettis „Don Pasquale“ inszeniert.

„Kunststücke“, sein Romandebüt, war eine verkappte Autobiografie, auch wenn Villazón dies bestritt. Die Bühne als Flucht, die Krise eines Künstlers, der als Clown Dunkles hyperaktiv überspielt: Fast automatisch las man vor drei Jahren das Schicksal des Stars mit. Das ist im aktuellen „Lebenskünstler“ nun anders. Palindromus, die Hauptfigur, die namensgemäß nach Sätzen fahndet, welche von vorn nach hinten und umgekehrt lesbar sind, dieser Mann lebt auf seine Weise Unkonventionalität aus. Zum Beispiel als Kopf einer Kneipenrunde: Mopsos, Calcas, die Wirtin Skylla, alle gern von mittelschweren bis verheerenden Spitzfindigkeits-Anfällen geplagt, sie sind seine Welt. Vor allem aber ist das Golondrina, eine stumme Schöne, der Palindromus den Hof macht und die wie eine fremde, dunkle, geheimnisvolle Sonne diese männlichen Trabanten an sich zieht.

Manchmal findet er aus den Detailschilderungen nicht mehr heraus

Den Beschwernissen des Lebens, überhaupt der Realität begegnet Palindromus mit seiner Spielleidenschaft. Sprachrätsel sind darunter, spontan ausgedachte Spiele mit Passantenkindern oder eine Schachvariante mit Würfeln. Und es gibt ein Schatzsuche-Wettkampf mit einem „Zwerg“, bei dem Spielzeugsoldaten in Mauerritzen versteckt werden. Die Treffen in der „Cava de los Espejos“, im „Spiegelkeller“, wo die Gäste nicht nur in ihren Monologen und Dialogen Reflexionsarbeit betreiben und doch nicht zu sich selbst finden, siGnd tägliche Fixpunkte. Palindromus’ größtes Problem hat er dabei gut in Griff bekommen: Aus irgendeinem Grund geht sein Leben 16 Minuten vor.

Nicht nur das Völkchen aus Puccinis „Bohème“ hallt hier also wider, auch eine gute Portion E.T.A. Hoffmann hat Villazón seinem Roman verpasst. Die Handlung hält sich in Grenzen. Eine Mixtur aus Episoden, Parabeln, Traumgleichnissen, Narrenmonologen und Märchenelementen kennzeichnet „Lebenskünstler“. Einmal hört Palindromus ein Radio-Interview mit einem Autor. „Mein Roman ist ein Spiel mit vielen Spielen“, sagt der da – so könnte auch Villazón sein eigenes Opus charakterisieren.

Und manchmal wird dieses Spiel zum Selbstzweck, wenn Villazón, angestachelt von seiner Fabulierlust, aus dem Dickicht von Detailschilderungen nicht mehr herausfindet. Kaum ein Satz vergeht, in dem eine Situation nicht mit einer Fülle von Adjektiven, Vergleichen und Erläuterungen garniert wird, ja darunter zu ersticken droht. Obwohl der Autor (und sicher auch der Lektor) mühsam den Deckel auf den Roman pressen, quellen immer wieder neue Wortgirlanden und neues Schnörkelpathos heraus – man ahnt, wie wuchernd die Erstfassung gewesen sein muss.

Aber auch das ist gerade bei diesem Künstler sehr authentisch: Kanalisieren, im Zaum halten lässt sich Villazóns Wesen bekanntlich kaum. Ob dies gespielt ist oder Schutzmechanismus, darüber dürfen die Psychologen richten. Und wenn auf Seite 49 die Anekdote erzählt wird, wie dem Sänger Palindromus einst die Stimme versagte, wird doch ein Spalt zur Realität geöffnet. Gut möglich, dass Rolando Villazóns drittes Buch eine echte Autobiografie ist.

Rolando Villazón:
„Lebenskünstler“. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag, Reinbek, 383 Seiten; 19,95 Euro; der Autor stellt den Roman am 28. April, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus vor; Telefon 089/ 29 19 34 27.

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