Lebenslange Clownsnummer - Nikolaus Paryla über Feydeaus "Damenschneider", Heimat, Familie und Ensemble

München - "Ich wünch` mir sehr oft einen anderen Schauspieler, aber ich wünsch` mir auch manchmal einen anderen Regisseur." Nikolaus Paryla (68) lächelt bescheiden. Wieder einmal ist er beides, sein eigener Schauspieler und Regisseur. In der Komödie im Bayerischen Hof feiert er am Mittwoch (20 Uhr) zum ersten Mal mit einem Lustspiel Georges Feydeaus Premiere: in der Hauptrolle des liebeslustigen Arztes Moulineaux.

"Der Damenschneider": In Deutschland kenne das Stück eigentlich niemand, erklärt Paryla im Wiener Dialekt seiner Jugend. "Aber in Paris ist es genauso berühmt wie die anderen." Denn es besitze "eine dieser unglaublich, fast mathematisch komplizierten, ineinander verflochtenen Handlungen, die unerreichbar sind in der Literatur". Lüge, Liebe und Wahrheit liegen da nahe beieinander. Fast jeder betrügt - allerdings am Ende nur sich selbst.

Doch ist Monsieur Moulineaux kein durch und durch schlechter Charakter, findet sein Darsteller: "Richtig macht er, dass er seine Frau wirklich liebt. Nicht richtig macht er, dass er diese Liebe verrät, aus einer Laune, einem Wohlbefinden und aus irgendeinem falschen, oberflächlichen Gedanken heraus." Schließlich widersteht Moulineaux der Versuchung in Gestalt seiner Patientin Suzanne. Und so handele dieses Stück, "das sich nur um die Lüge kümmert", eigentlich von der Wahrheit. "Wie ist die Wahrheit besser darstellbar als durch den Versuch, durch immer weitere Lügen die vorigen Lügen zu verdecken?", philosophiert Paryla mit leiser, konzentrierter Stimme.

Mit welch tiefem Ernst der zierliche Schauspieler, der sich schon als Fünfjähriger wünschte, die traurigen Mundwinkel der Menschen zum Lachen zu bringen, die muntere Verwechslungskomödie betrachtet! "Im Grunde ist ja jede komische Situation eigentlich eine tragische. Lustig ist die Komik fast nie. Und darum ist in jeder Komödie viel Trauriges, sehr viel Tragik, Angst, Menschlichkeit, Verzweiflung, Hoffnung, Gehetztsein und Langeweile." Doch ein Feydeau ist kein gesellschaftskritischer Nestroy: Bei jenem liege die Komik eher in der Überheblichkeit einer dekadenten Gesellschaft. "Es sind Menschen, die sich zwar falsch und verlogen verhalten, aber so sehr in die Enge getrieben werden in ihrer Vergnügungssucht, dass sie sich am Höhepunkt ihrer Verzweiflung plötzlich genauso verhalten wie arme Teufel." Für den komischen Ausdruck auf der Bühne bedeute das: eine "unglaubliche, zirkushafte Präzision".

Als Schauspieler hat Paryla große Regisseure wie Giorgio Strehler, Hans Lietzau oder Ingmar Bergmann erlebt. Den Mut, es ihnen nachzutun, gab ihm vor vielen Jahren der Theatermacher und Autor Dario Fo. Als Paryla niemanden fand, der für ihn Goldonis "Diener zweier Herren" inszenierte, fragte er Fo: "Würdest du mich erschlagen, wenn ich dir sage, ich möcht's vielleicht dann lieber selber machen?" Die Antwort war: "Ich würde dich erschlagen, wenn dus nicht selber machst." So wurde aus Paryla ein Capocomico im Geiste der Commedia dell' arte: der Clown im Zentrum des Stückes, der gleichzeitig inszeniert, der Urahn des heutigen Regisseurs. Dieser schönen Tradition folgen in Deutschland allerdings die wenigsten. "In Italien gibt es ja viel mehr Leute, die Commedia dell' arte machen." Auch, was Parylas Leidenschaft für die Pantomime betrifft - die man im Gespräch mit dem kaum gestikulierenden Schauspieler fast vermisst. Seinen schon lange geplanten Pantomimenabend über "das Tier in uns" will er gleich nach dem Feydeau verwirklichen.

Paryla - in München ist dieser Name seit seiner Uraufführung vor 27 Jahren untrennbar mit Patrick Süskinds Stück "Der Kontrabass" verbunden. Bis heute habe er kein besseres gefunden. Und er sei "tief gerührt", dass ihn sein Vater, "der alle Rollen der Weltliteratur gespielt hat", um diese lebenslange Clownsnummer beneidet habe. "Es ist eine Gnade, und warum soll ich diese Gnade aufgeben, wenn immer noch Leute kommen und sagen, wir wollen das sehen?" Gleichwohl habe er solche Ein-Personen-Stücke gar nicht so gern. "Das Theater ist ein Kollektiv - und die Welt auch. Und den Menschen in dieser Welt darzustellen in seiner Einsamkeit, das geht sehr gut, wenn 20 Leute drum herum stehen." Wie bei Feydeau. Als Capocomico ist Paryla ein festes Ensemble sehr wichtig. Auch er steht im Kreise der Familie auf der Bühne: mit seiner Frau Undine Brixner und Bruder Stephan Paryla. "Dass man sich gut kennt, ist kein Hindernis, sondern allemal hilfreich. Man muss sich nur dazu bekennen können". Noch etwas verbindet ihn mit den Wandertruppen der Commedia dell' arte: seine Heimatlosigkeit. Seine innere Heimat sei Italien, sagt der Schauspieler mit dem altrömischen Namen. Seine Wehmut gehöre Zürich, wo er 1939 als Sohn von Karl Paryla und Hortense Raky in die große Exiltheaterzeit des Schauspielhauses hineingeboren wurde, mit Brecht, Ginsberg, Maria Becker als "Babysittern". In Wien ging er zur Schule; in München ist sein Zuhause. Doch: "Was nützt einem a Heimat, wenn man alleine ist?", fragt Paryla. "Aber es nützt einem sehr viel, wenn man nicht alleine ist und irgendwo ist, wo's schön ist."

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