Lebenslanger Anfänger

- "Nicht von dieser Welt." Damit wäre der Status, den der Sänger, Gitarrist und Liedermacher Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan in den gut 40 Jahren seiner Karriere erreicht hat, beschrieben. Mit wenigen Werken ist annähernd so viel Exegese betrieben worden. An kaum jemanden wurden so große Erwartungen gestellt. Dylan das "Sprachrohr einer Generation", "Poet", "Rebell". Je mehr Unsinn über ihn verbreitet wurde, desto mehr Störsignale sandte der Störrische aus. Dylan gab sich so geheimnisvoll wie seine Songs - und strickte so an seiner eigenen Legende.

<P>Jetzt gibt Bob Dylan Auskunft. Mit "Chronicles. Volume One" erscheint morgen der erste Teil der Autobiografie in deutscher Sprache. Das Besondere daran: Dylan verliert kein Wort über die Gipfel seiner Karriere, die musikalischen Großtaten. Er beschreibt die Talsohlen - die harten Lehrjahre, den Albtraum der Hysterie um seine Person, das Ausgebranntsein - und wie er sie durchschritten hat. Dylan zeichnet sich als lebenslangen Anfänger. </P><P>"Ich war immer nur ein Folkmusiker."<BR>Bob Dylan</P><P>Auf Familie und Kindheit geht der Mann, der am 24. Mai 1941 in Duluth am Lake Superior geboren wurde, nur zwischendurch ein. Seine Affären und Ehen - geschenkt. Dylan spricht nur ab und zu von "meiner Frau", und die war 1989 eine andere als 1968.</P><P>Er beginnt und endet seine Erinnerungen in New York, Anfang der 60er-Jahre. "New York City, die Stadt, die mein Leben bestimmen sollte. Das moderne Gomorrha." Mit schlichten, einprägsamen Worten beschreibt er die bitterkalte Metropole, die Suche nach alten Geschichten, Folksongs und -sängern, nach Möglichkeiten aufzutreten und nach einem Dach über dem Kopf. Die präzisen Schilderungen sind bisweilen so lebhaft, dass man in ihnen mehr Dylans Fantasie als seine Erinnerung zu erkennen glaubt. Dichtung und Wahrheit. In der Bibliothek von Freunden kommt er mit klassischer Bildung in Berührung: Tacitus, Machiavelli, Voltaire, John Locke, Martin Luther. "Sie waren wie alte Freunde, als hätten sie gleich nebenan gewohnt." So ordnet sich Dylan wie nebenbei kulturgeschichtlich ein.</P><P>Die archaischen Folksongs dagegen "waren mein Leitstern und mein Reiseführer". Dylan bemerkt: Außer Roy Orbison hat auch das Pop-Radio nicht mehr viel zu bieten. "Mir kam (. . .) die Mainstreamkultur erschreckend lahm vor und wie ein Riesenschwindel." Zeit, dass jemand erscheint und die Verhältnisse zum Tanzen bringt. "The Times, They Are A-Changin'." Doch davon erfahren wir nichts. Man blättert um - und sieht Dylan Ende der 60er deprimiert und verfolgt durch Amerika hetzen. Seine Alben hatten die Jugend berührt, die ihn zu ihrem Wortführer kürt, zum "Grüßaugust einer Generation". "Was für ein Wahnsinn! Aber das konnten sie vergessen." Als sein Haus in Woodstock zum Wallfahrtsort für Dylan-Jünger wird, flüchtet seine Familie zurück nach New York. Doch dort wühlen selbst ernannte "Dylanologen" sogar in ihrem Müll.</P><P>"Dieser Zahn musste den Leuten gezogen werden", schreibt Dylan und erklärt so die überaus erratische Schaffensperiode zu Beginn der 70er-Jahre. Das Interesse an dem enttäuschenden Messias lässt nach. 1987 mag die Situation für Dylan noch schwieriger gewesen sein. Er zeichnet sich schonungslos als abgehalfterten, ausgebrannten Zausel. "Wo ich auch hingehe, bin ich ein Troubadour der Sechziger, ein Folkrock-Fossil, ein Verseschmied aus vergangenen Tagen, ein fiktives Staatsoberhaupt aus einem Land, das keiner kennt." Rettung kommt diesmal mit dem Produzenten Daniel Lanois. </P><P>Von da an geht's nur noch bergauf; aber auch das erzählt Dylan nicht mehr. Es ist sein Kniff, dass man ihn gerade wegen all der Tiefschläge als großartigen Künstler kennen lernt. Aber eben auch als Menschen, der nicht andauernd von Musen geküsst, der von Depressionen verfolgt wird. "Ich habe mich nie größer gemacht, als ich bin - ich war immer nur ein Folkmusiker, der mit tränenblinden Augen in den grauen Nebel hinausblickt und sich Songs ausdenkt, die im leuchtenden Dunst dahintreiben." Er ist eben doch von dieser Welt.<BR></P>

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