Lebensnerv einer märchenhaften Stadt

Leipzig - Geschichte erfahrbar machen durch das Erzählen von Geschichten. Wenn am morgigen Mittwochabend anlässlich der feierlichen Eröffnung der Leipziger Buchmesse der Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen wird, dürfte es keinen besseren Adressaten geben als den niederländischen Publizisten und Schriftsteller Geert Mak.

Buchpreis zur Europäischen Verständigung: Geert Maks faszinierendes Werk "Die Brücke von Istanbul"

"Das Jahrhundert meines Vaters", "Eine kleine Geschichte von Amsterdam", "In Europa" - das sind die Titel, für die Mak jetzt ausgezeichnet wird.

Seinem Motto "Erzählen und Zuhören" folgt er auch in seinem jüngsten Buch: "Die Brücke von Istanbul". Wer es liest, begibt sich zusammen mit ihm auf eine faszinierende, Jahrhunderte umspannende, mitunter durchaus auch vergnügliche Reise zwischen Orient und Okzident. Geschichte und Gegenwart Istanbuls, dieser einst märchenhaften Weltreich-Stadt zwischen Goldenem Horn und Marmarameer, bringt Mak uns auf sehr individuelle und einfache Weise nah. Im Mittelpunkt seiner Istanbul-Recherche steht die Galatabrücke. Sie ist seit eineinhalb Jahrhunderten der eigentliche Lebensnerv der Metropole, der Europa mit Asien verbindet. Hier trifft Mak die Menschen, deren persönliche Schicksale er erzählt.

Es sind überwiegend die Ärmsten der Armen: der Zigarettenjunge und der Fotograf, die Losverkäuferin und der Buchhändler, der Sohlenmann und der Lastträger, der Schirmanbieter und das alte spanische Paar, das sich mit Angeln über Wasser hält. Sie alle sind irgendwie herausgefallen aus einer geregelten sozialen Existenz. Aber immer noch geht es auch ihnen, wenngleich sie sich durchaus nicht als besonders religiös empfinden, um "Tradition" und "Ehre", jene Fixpunkte zur Aufrechterhaltung des eigenen Selbst. Fast alles haben diese Menschen auf und unter der Brücke verloren, nur nicht ihre Selbstachtung, den Respekt und ihren Stolz - etwa auf die Kinder, die irgendwo leben und die es einmal "dank Stipendien und staatlicher Universitäten" besser haben werden.

Aber Geert Mak erzählt eben nicht nur von heute. Meisterhaft verbindet er diese kleinen menschlichen Geschichten mit der großen Geschichte der Stadt, genannt Konstantinopel, Byzanz, Istanbul, die einst die interkulturellste, weltoffenste Metropole des Ostens war. Sie galt als das Tor zum Glück, das Auge der Welt, die Zufluchtsstätte des Universums. Die westeuropäischen Kreuzfahrer, schreibt Mak, waren sprachlos, als sie 1203 eine Stadt der "reichen Paläste und stolzen Kirchen" betraten, "eine Stadt, in deren prächtigen Straßen sich Kaufleute mit dem Aussehen von Prinzen drängten. Dabei hatte der Verfall des Byzantischen Reiches damals schon begonnen. Von innen her wurde es durch die Gewalt- und Plünderungsorgien der christlichen Kreuzfahrer zerstört, von außen durch die Einfälle der sogenannten Türken, islamischer Krieger, die von Nomaden Zentralasiens abstammten und weithin wegen ihrer Schnelligkeit, Beweglichkeit und Disziplin gefürchtet waren."

Der 29. Mai 1453 galt dann auch vielen im christlichen Westen als "der letzte Tag der Welt". Die osmanischen Türken hatten die Stadt erobert. Sultan Mehmed II., der 22-jährige Anführer der Osmanen, richtete ein beispielloses Blutbad an. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte baute er aus den Trümmern Konstantinopels eine neue imperiale Metropole, eine dynamische Hafen- und Handelsstadt, die auch Zufluchtsort wurde für spanische und portugiesische Juden sowie andere Verfolgte.

Eine spannende, vielgestaltige Geschichte charakterisiert diese Stadt, in der sich einstmals auch Griechen und Armenier zuhause wähnten - bis zum Völkermord an den Armeniern, bis zur Vertreibung der Griechen Anfang beziehungsweise Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Dieses 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Nationalismen besiegelte das Ende der stolzen Stadt. Sie "verlor mehr und mehr ihren kosmopolitischen Charakter". Vorbei mit der schillernden Buntheit auf der Galatabrücke. Grau und Schwarz, die Kleiderfarben der islamischen Frauen, bestimmen das Bild. In seiner Schilderung geht der Autor den aktuellen Fragen wie Religion, Frauenrecht, dem Gegensatz von Stadt und Land, Bildung und Unbildung nicht aus dem Weg. Und zitiert den Kellner aus der Brücken-Teestube: "In meinem Dorf wimmelt es von Leuten, die überhaupt nichts über den Islam wissen, aber trotzdem wären sie bereit, für ihn zu sterben."

Man muss in etwa die Geschichte der Stadt kennen, um die Konflikte zu verstehen und sich ein Urteil bilden zu können. Geert Maks Buch trägt erheblich dazu bei. Nach der Lektüre möchte man mit ihm zusammen hoffen, dass eines Tages dieses Istanbul wieder zu einem neuen Byzanz werden könnte, "zu der Metropole Südosteuropas und des Nahen Ostens".

Geert Mak:

"Die Brücke von Istanbul". Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Pantheon Verlag, München, 124 Seiten; 9,95 Euro.

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