Lebensnerv gekappt

- Fast bis zuletzt keimte da immer wieder eine Kraft auf, versucht ein Aufbegehrender, aus dem geringsten Anlass Hoffnung zu schöpfen. Doch Schubert hat den Wegweiser ins Nichts gesetzt, da gibt es kein Entrinnen. Auch nicht für den energiegeladenen Thomas Quasthoff, der dem seelenwunden Wanderer der "Winterreise" im Münchner Herkulessaal die Stirn bot.

Sanft hüllte ihn im "Gute Nacht" die Liebes-Erinnerung ein, doch bäumte sich schon der Ruhelose auf: "Was soll ich länger weilen, dass man mich trieb hinaus?" Und steigerte sich in der "Wetterfahne" in eine heftige Aggression, die sein Partner am Klavier, der wunderbare Wolfram Rieger, durchaus teilte.<BR><BR>Quasthoff führte seinen edlen Bariton mit hoher Kunstfertigkeit, wechselte souverän die Register, tönte die Stimme in feinen Nuancen ab: fast schwerelos in der Höhe und mit sattem Fundament in den tiefen Regionen. Betörend klang sein Mezzavoce im "Frühlingstraum", den er wie ein Erinnerungstrunkener heraufbeschwor, allen emotionalen Wechselbädern zum Trotz. Quasthoffs Vitalität zerrieb sich zunehmend, ab der "Krähe" schlich sich mehr und mehr ein Ausdruck der Leere, der Monotonie ein: Beklemmend im "Wegweiser", stillstehend im "Wirtshaus", vom Leben abgeschieden in den "Nebensonnen", schließlich gipfelnd im abrupten Schluss des "Leiermanns". Da schien der Lebensnerv endgültig gekappt.<BR><BR>Rieger kündigte dieses Ende in sensiblen Schattierungen schon vorher an. Er spürte im verräterischen Klavierpart dem Sänger förmlich voraus, war aber auch parat, um in jähen Akkorden mit ihm zu rebellieren. Das Publikum folgte dem Meister-Duo auf seiner beeindruckenden Reise in Schuberts Innerstes und bedankte sich mit großem Applaus.<BR>

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