Der Lebens-Reigen

- Bei Tanzchef Philip Taylor hat's einen Ruck getan, nach sieben Jahren am Münchner Gärtnerplatztheater. Sein neues Stück "4" wurde soeben nicht nur euphorisch bejubelt. Es war gut. Packend: in seiner künstlerischen Strenge, in der unerbittlich expressiven Eleganz der Tänzer. Die Auftragskomposition von Jazzmusiker und Solotrompeter Johannes Faber - vielen bekannt durch seine Reihe "Jazz im Gärtnerplatz" - hat Kreativ-Funken geschlagen.

<P>Nicht zuletzt auch sein Konzept von den essenziellen "4": den metaphorisch miteinander korrespondierenden vier Tages-, Jahres-, Lebenszeiten. Keine plakativen Bilder (die ja nicht nur Taylor unterlaufen) zu den Lebenszyklen. Nein, lauter offene Szenen, die wir frei weiter assoziieren können.</P><P>Der Beginn: am Boden noch Schläfer. Hinter einem Fenster Faber meditativ - Vogelzwitscher-Mann. Ein Tänzer (David Russo) in biegsamer Windgeschwindigkeit, mal tief, mal luftig fliegend. Erwachende Herzschläge von einer Trommel (Perkussionistin Maria Falk, auf der Bühne). Und schon ist das der Morgen. Der Frühling. Die Jugend. Es folgt der Mittag, der Sommer, die volle Kraft. Ein hellhäutiger Dionysos (Alan Brooks) und eine dunkle Erntegöttin (Courtney Blackwell) singen das afrikanische "Andeleli Oboduo", tanzen, bis alle ekstatisch in den schwarzen Trommelrhythmen zum großen Fest vereint sind.</P><P>Volksmusik der Welt</P><P>Im Herbst sind die gereiften Paare auf sich zurückgeworfen, auf ihren Zweikampf zwischen Zuneigung und Selbstbehauptung. Durch diesen Reigen bis hin zum Winter, zum Abschied - ein schwächerer, weil auch der schwierigste Teil - führt Damien Liger, ein Kahlschädel wie Faber und dessen jüngeres Alter Ego. Im Epilog schaut er vom Berg (in ihrer Zeichenhaftigkeit schöne Bühne: Claudia Doderer) herab nach unten, wo im wilden Gewimmel des Ensembles gleichsam sein Lebensfilm noch einmal flüchtig abspult. </P><P>Auf diese "Quintessenz" (die alogisch die "Vier" abrunden soll), ein eher unfertig wirkendes improvisatorisches Chaos, hätte man verzichten können. Das Vorausgegangene ist dicht, farbig und schlüssig genug. Auch in musikalischer Hinsicht. Hätte Faber ausschließlich nach eigenem Gusto komponiert, alles im Cool Jazz, wie Teil III ("Hathor"), dann wäre das Tanzpublikum wahrscheinlich weggelaufen. Zwar bleibt sein Jazz im harmonischen Bereich. Und die Gärtnerplatzmusiker unter Andreas Kowalewitz polieren die symphonische Qualität, lassen kleine Zitate (irgendwie Bernstein) blitzen. Mehr davon aber - wäre zu trocken gewesen.</P><P>Ohne allzu große Unterwürfigkeit hat der Komponist sich jedoch auf das Sinnlichkeitsbedürfnis von Tanz eingestellt, musikalisch jeweils anders grundiert: Für die Teile I ("Sakura"/"Kirschblüte"), II ("Andeleli Oboduo") und IV ("Spi mladjenec") arrangierte er Volksthemen aus Japan, Afrika und Russland. Umspielt, durchdringt aber diese verschiedenen ethnischen Farben, die bis zum javanischen Gamelan-Klang reichen, immer wieder mit seiner Jazztrompete. Seine physische Präsenz auf der Bühne spielt keine geringe Rolle. Und kein Zweifel, dass seine über Improvisation erarbeitete Jazzmusik in ihrer Unberechenbarkeit etwas in der Arbeit Taylors bewirkt hat. Man meint, ganz neue Formen zu entdecken. Bewegung scheint in sich völlig neu phrasiert, dringlicher. Absolut aus innerer Überzeugung getanzt ist dieser Abend, in den Soli, den wunderbaren "Herbst"-Pas-de-deux. Auch durch Wieland Müller-Haslingers Licht: rundum ein Gärtnerplatz-Erfolg. <BR></P>

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