Lebensrettendes Erzählen

München - Der Sommer ist da und mit ihm die Freude am Draußensein. Sommer heißt auch: gemeinsam Natur und Leben entdecken - eine Blütezeit der Freundschaft.

"Frau Friedrich" hat den Zauberblick und viel Geduld. Sie kann eine Woche neben dem Vogelnest sitzen, bis alle Vogelkinder ausgeflogen sind. Mit ihren 91 Jahren bleiben Frau Friedrich nur noch wenige Freunde: der kleine Ich-Erzähler und seine Eltern. Ganz fasziniert schaut der Junge zu seiner alten Nachbarin hinauf, mit der er viele Momente der Zweisamkeit erlebt. Er merkt dabei nicht, dass er es ist, der sie am Leben erhält. Denn das, was die beiden verbindet, ist die Fantasie. Die Geschichten, die der Nachbarsbub Frau Friedrich erzählt, lassen sie wieder stark und lebhaft werden. Eine herzliche Geschichte über die Kraft der Fantasie und der Freundschaft, die Leben retten kann, gefühlvoll erzählt von Heinz Janisch und Helga Bansch (Jungbrunnen, 13,90 Euro).

Wie stark Freundschaft binden kann, zeigt uns "Hannah und ich" von Bettina Wegenast. "Ob Hannah auch aus dem Ohr geblutet hat, weiß ich nicht. (...) Ich habe mich danach manchmal gefragt, warum es wohl nicht Iris erwischt hat. Die habe ich nicht so gerne gemocht. Warum ausgerechnet Hannah, wo sie doch meine beste Freundin war?" Eine rührend einfache Geschichte über die Verbundenheit zweier Mädchen, die der Tod auseinanderreißt. Doch ihre Freundschaft geht weiter, auch wenn einer von beiden nicht mehr da ist. Es wird liebevoll mit einem schwierigen Thema umgegangen, das uns alle betrifft und Kinder wie auch Erwachsene überfordert. Mitten in den Alltag der beiden Mädchen mit all ihren Vertrautheiten und Spielen schleicht sich der Tod. Offen schildert die junge Ich-Erzählerin ihre Gefühle beim Abschiednehmen von einer geliebten Person. Die Gestaltung von Kerstin Meyer unterstreicht die Tiefe der Freundschaft durch persönliche Zeichnungen und Kritzeleien (Sauerländer Verlag, 12,90 Euro).

Ein wenig bedächtiger und nicht minder rührend erzählt Wolf Erlbruch von der merkwürdig poetischen Freundschaft zwischen einer Ente und dem Tod in elegantem, kariertem Mantel mit purpurner Tulpe, die er der sterbenden Ente am Ende auf die Brust legt. Mit wundervoll minimalistischen Zeichnungen wird der Tod sanft eingeführt, der Ente ein selbstverständlicher Begleiter und Freund - mit etwas sarkastischer Zunge und einem großen Herzen. In leicht verständlichen Dialogen wird der Ente der Tod bewusst, was er ist und bewirkt. "Tief unten war der Teich zu sehen. Wie er so dalag, so still - und so einsam. ,So ist es also, wenn ich tot bin, dachte sie. ,Der Teich - allein. Ganz ohne mich." "Ente, Tod und Tulpe", ein besonders gelungenes Bilderbuch, das junge Leser für philosophische Ansätze begeistert, ohne trocken und kompliziert zu sein (Kunstmann Verlag, 14,90 Euro).

Weitaus heiterer wird mit dem Thema Freundschaft in Eric Battuts Bilderbuch "Das Ei" umgegangen. Drei schwarze Ameisen entdecken auf ihrem Heimweg ein großes Ei, das sie gerne für den Winterschmaus haben wollen. Die gleiche Idee haben drei rote Ameisen zur gleichen Zeit. Eine wunderschön in orangefarbenen Tönen illustrierte Parabel über gegenseitige Hilfe, von der am Ende alle profitieren. Die Illustrationen zaubern bei Groß und Klein ein Lächeln auf die Lippen und geben mit kindlicher Naivität den Charakter des Bildbandes wider (bohem press, 12,90 Euro).

Von jeder Menge bunter Geschenke, Freunde aller Art und Geburtstagsstimmung, so wie sie jedes Kind kennt und liebt, handelt Fiona Rempts und Noëlle Smits "Schnecke wünscht sich was". Unter diesem fast banalen Titel verbirgt sich eine köstlich süße Geschichte vom Geburtstag der Schnecke, die im Mittelpunkt des Büchleins steht und sich über ihre merkwürdigen Geschenke wundert. Diese entpuppen sich aber am Ende als Traumgaben, die Schneckes Individualität unterstreichen und zeugen ein weiteres Mal von Toleranz, Freundschaft und geteilter Freude. Liebevoll und lustig illustrierend mit einem besonders feinen Verständnis für Kindheit und kindliche Seele schafft es Noëlle Smit mit ihren fröhlichen Farben und zarten Strichen, die unschuldige Welt der Kinder wiederzugeben, die sich tatsächlich noch an der ihnen dargestellten Fabelwelt erfreuen können (Tulipan Verlag, 12,90 Euro).

Auch Chih-Yuan Chen bezaubert mit einer dezenten Geschichte über das Anderssein, Toleranz und Liebe. "Gui-Gui, das kleine Entodil" wächst in einer Entenfamilie auf und ist fest davon überzeugt, es sei eine normale Ente, bis drei garstige Krokodile ihm eröffnen, dass er von derselben Rasse sei. Diese wollen Gui-Guis Familie fressen, und der arme Kerl soll ihnen auch noch dabei helfen. Gui-Gui steht vor einer schwierigen Entscheidung, da er seine Familie über alles liebt. Mit klarer und kindgerechter Sprache schildert Autor Chih-Yuan Chen den Zwiespalt des kleinen Entodils. Die Geschichte schildert Identitätsschwierigkeiten und das ersehnte Zugehörigkeitsgefühl (Fischer Schatzinsel, 12,90 Euro).

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