Leberkäs am Hauptbahnhof

- "Man wühlt nicht in Liebesbeziehungen", gab Minetti zur Antwort, als man ihn über sein Verhältnis zu Thomas Bernhard befragte. Die Münchner Ausstellung "Theaterpaare" setzt sich couragiert über dieses Diktum hinweg. In Szene gesetzt werden hier zwölf kreative Konstellationen aus der deutschsprachigen Theater- und Filmgeschichte, die gemeinsam Dialoge geschrieben, Szenen gespielt, Filme gedreht, Räume erdacht, Visionen auf den Weg gebracht haben. Im Foyer des Deutschen Theatermuseums gibt Peter Zadek den Ton an: "Wildgruber verkörperte für mich all die Sachen, die ich im Leben zu machen sicher zu feige gewesen wäre. Ich dachte sie, und er machte sie, und das war unsere Kombination."

<P>Klar wird: Nicht die Liebesallüren der Bühnenstars stehen hier im Zentrum, sondern die hohe energetische Gereiztheit und Produktivität künstlerischer Arbeits- und Lebensbeziehungen. Über die Anziehungsmechanismen zwischen Partnern lässt sich viel spekulieren und wenig Genaues sagen. Die Schau birgt in diesem Punkt ein gewisses Betriebsrisiko, das sie aber geschickt überspielt. Sie unternimmt eine Art Spurensicherung, die den Punktstrahlerglanz ausschließlich auf die künstlerischen Leistungen dieser Klein-Kollektive setzt.<BR><BR>Fotos, Filmloops und Ton-Schleifen dokumentieren ihre schöpferischen Wirkkräfte. Das Spektrum ist weit gefasst. Fast jede Berufskonstellation ist vertreten. Darunter das langjährige Leitungsteam Claus Peymann und sein Dramaturg Hermann Beil. Oder die zwei konkurrierenden Regie-Temperamente wie Dieter Dorn und Ernst Wendt, die Ende der 70er-Jahre den Münchner Kammerspielen ein prägnantes Profil gaben. Das Duo Christoph Marthaler und Anna Viebrock wurde gerade erst für ihre melancholische Poesie mit dem Theaterpreis der Stiftung Preußischer Seehandlung ausgezeichnet.<BR><BR>Manchmal verschränken sich Kunst- und Lebenswirklichkeit. Wie etwa bei Hans Neuenfels und Elisabeth Trissenaar. Oder zwischen Heinz und David Bennent. Eine private Fotocollage rückt ins Bild, wie das Resonanzfeld Familie die Karriere von Vater und Sohn stimulieren und stabil halten kann.<BR>Was ärgert: das Kapitel Bertolt Brecht und Marieluise Fleißer, das von der Kuratorin Christina Haberlik mit dem Premieren-Skandal um die "Pioniere von Ingolstadt" burschikos als gescheitert erklärt wird. Die innere Verbindung zwischen dem Dichter und der Dichterin dauerte um Dekaden länger. Kreative Kraftlinien sprengen Ordnungen, kennen keinen Raum und keine Zeit. Die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau im Großraumbüro Brecht sind erforscht. Diese Fußnote ist alles andere als ein Erkenntnisgewinn.<BR><BR>Was fehlt: Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Was man unbedingt lesen muss: Zadeks Gründungsdokument einer wahrhaft genialen Liaison - "Lieber Ulli, kommen Sie doch nach Bochum." Was amüsiert: eine Anekdote über das Komplementär-Gespann Dorn/ Wendt. Schauplatz ist einer der Leberkäs-Imbissstände am Münchner Hauptbahnhof. "Ich wollte mir", so Wortlaut Wendt, "vor dem Kollegen keine Blöße geben, also aß ich, was auch er aß. So fing denn unsere gemeinsame Münchner Karriere an, und es ist nicht das geringste Verdienst des süßen Senfes, die ästhetischen Kontroversen der Kammerspiele auf Jahre hinaus immer wieder zugeschmiert zu haben." Was man braucht: eine Portion süßen Senf, um die Lücken im ambitionierten Konzept dieser schön gestalteten Schau zu verschmieren.</P><P>Bis  24. Oktober; Tel. 089/ 21 06 910; Katalog: 24,90 Euro. <BR><BR></P>

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