"Er lebt volles Risiko"

- Hans Neuenfels - ist das nicht der Mann mit den abgeschlagenen Köpfen, mit "Idomeneo" in Berlin, dieser angeblichen Provokation schlechthin? Ja, das ist er. Und spätestens seit dieser zum Politikum stilisierten Opernaffäre ist der nicht gerade unbekannte Regisseur Hans Neuenfels ein populärer Mann.

So viel Mitsprache von überall her zu einer einzigen Inszenierung von ihm - und es gab in seinem langen Regisseursleben wahrlich so manchen Theaterskandal - hatte er bis dato noch nie erfahren.

"Ich wünschte mir, in einem Rahmen zu arbeiten, in dem Theater noch etwas Bescheidenes, Ursprüngliches hat."

Hans Neuenfels

Jetzt inszeniert Hans Neuenfels (65) in München. "Baal", das wilde Genie. "Baal", der große Asoziale. "Baal", das erste Stück des jungen, erst 20 Jahre alten Bert Brecht. Als unspielbar galt es lange, der Meister übte im reifen Mannesalter Selbstkritik: Dem Werk fehle es an Weisheit. Doch immer wieder gab es ab den 60er-Jahren einzelne kluge Aufführungen, die des Dichters Meinung widerlegten. Das möchte nun auch Neuenfels tun: "Ich will beweisen, dass ,Baal’ ein tolles Stück ist, total spielbar." Der Altkämpe des zeitgenössischen Regietheaters, gegen den die meisten Inszenierungsbuben von heute unbedarfte Waisenknaben sind, bringt Brechts szenische Wüstenei an Christian Stückls Volkstheater heraus. Und das ausgerechnet in der Karwoche. An diesem Gründonnerstag ist Premiere. Die Titelrolle spielt München-Debütant Ludwig Blochberger.

Mit elegantem Understatement und jungenhafter Schlaksigkeit, wie immer auch den blauweiß-gepunkteten Seidenschal um den Hals geschlungen, spricht in gewohnt heiserem Tonfall Neuenfels über sein erstaunliches München-Engagement. Dass es überhaupt dazu kam, liegt an der Ruhr-Triennale, wo er vor zwei Jahren Stückl kennengelernt hat. Der habe ihn gefragt, ob er nicht mal mit seinen ganz jungen Volkstheater-Schauspielern arbeiten wolle. "Ach ja, warum nicht", war Neuenfels‘ Antwort.

"Ich suchte damals gerade etwas, wo ich ohne diesen Druck arbeiten konnte. Oper ist immer so wahnsinnig repräsentativ. Ich wünschte mir, in einem Rahmen zu arbeiten, in dem Theater noch etwas Bescheidenes, Ursprüngliches hat." Also alles, was ihm Stückl bieten kann. Hans Neuenfels, der Dandy unter den Regisseuren der Alt-Herren-Elite, nutzt die Gelegenheit, die eigene Spontaneität und Kreativität zu überprüfen und zu sehen, wie so ein einfaches, mit wenig Geld ausgestattetes Theater heute funktioniert. So wie er hier arbeite, habe er vor 40 Jahren angefangen. "Es setzt meine Fantasie frei. Man magert positiv ab. Mit Sentimentalität hat das nichts zu tun. Dazu ist es zu anstrengend."

"Baal" fürs Volkstheater - das war Neuenfels‘ Vorschlag. "Ich inszeniere das jetzt zum dritten Mal. In einer ganz anderen Fassung. Die erste war mit Martin Sperr. Da war ich noch sehr jung, und natürlich sah ich mich da selbst in Baal und in Ekart und überhaupt in allen Figuren zusammen. Beim zweiten Mal, 1974 in Hamburg mit Peter Roggisch, war ich ein erwachsener Mann; da war ,Baal’ für mich ein Spiegel der Gesellschaft. Und jetzt ist das eine mich ganz bewegende Draufsicht. Diesmal ist Baal ein richtiger Junge. Dem damaligen Brecht ähnlich. Er erträumt sich diese Figur, so wie sie Brecht sich erträumt hat. Die Spannung liegt zwischen seinem Sein und seinem Wollen. Er lebt volles Risiko, ohne Rücksicht auf Verluste, aber auch ohne Rücksicht auf sich selbst. Da ist kein Zynismus dabei. Baal zahlt selbst die Zeche für das, was er tut."

Baal - der Prototyp des Künstlergenies? Neuenfels: "Wir machen das Stück nicht als Künstlerdrama. Die Worte, die Baal benutzt, sind ein Ausdruck für sich. Er hat eine Freude daran zu sprechen, gerne und provokant; das ist wie eine Sache genießen."

Ob es wohl so radikale Grenzüberschreiter wie Baal heute noch gibt? "Ich glaube kaum. Heute ist es doch sehr schwierig, Grenzen aufzuzeigen, weil eben alles möglich ist. Trotzdem denke ich, dass wir das mit dem Stück schaffen; weil wir auch die Zeit skizzieren, weil wir es aus den 20er-Jahren heraus spielen."

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