Lech Walesa will Ehrenbürgerschaft zurückgeben wegen Grass

- Warschau/Hamburg - Der polnische Friedens-Nobelpreisträger Lech Walesa hat mit der Rückgabe seiner Ehrenbürgerwürde der Stadt Danzig (Gdansk) gedroht, falls Günter Grass nicht freiwillig auf seine verzichtet. Grass lehnte einen solchen Schritt jedoch ab. Die deutsch-polnische Grenzstadt Görlitz/Zgorzelec denkt zudem darüber nach, ihre geplante Auszeichnung des Literatur-Nobelpreisträgers mit dem "Brückepreis" zurückzuziehen.

Der 78-Jährige hatte vor einer Woche eingeräumt, als Jugendlicher in der Waffen-SS gewesen zu sein.

Mehr als die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) hat allerdings Verständnis dafür, dass sich Grass erst jetzt bekannt hat, ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts polis/USUMA im Auftrag des Nachrichtenmagazins "Focus". Dabei zeigen die Männer (60 Prozent) mehr Verständnis als die Frauen (48 Prozent). Bei den über 55-Jährigen stößt die späte Erklärung auf weniger Verständnis (49 Prozent) als bei den bis 34-Jährigen (58 Prozent).

"Ich will auf die Ehrenbürgerschaft verzichten, weil ich mich nicht in der Lage sehe, an der Seite von Grass Ehrenbürger zu sein", sagte Walesa (63) im polnischen Nachrichtensender TV N24. "Wenn wir gewusst hätten, dass Grass Mitglied der Waffen-SS gewesen ist, hätte er die Ehrenbürgerschaft für Danzig vermutlich nie bekommen", ergänzte er. "Wir respektieren ihn, und er sollte auch uns respektieren", sagte Walesa.

Grass wurde am 16. Oktober 1926 in Danzig geboren. Die Ehrenbürgerschaft wurde ihm 1993 verliehen. Der polnische Ex-Staatspräsident Walesa hatte den Autor bereits kurz nach dessen Eingeständnis zur Rückgabe seiner Auszeichnung aufgefordert.

Grass lehnt die auch von anderen polnischen Politikern geforderte Rückgabe allerdings ab. In dem am Donnerstagabend ausgestrahlten Interview für die ARD-Reihe "Wickerts Bücher" sagte der Dichter, er sehe dazu von sich aus keinen Anlass. Er werde aber eine Aberkennung durch den Danziger Stadtpräsidenten und jede andere Entscheidung akzeptieren. Auf Ulrich Wickerts Fragen nach möglicherweise berechtigter Enttäuschung in Polen, wo die Waffen-SS mit Massenexekutionen zu einem Symbol für das Grauen unter der deutschen Besatzung geworden ist, sagte Grass: "Ich glaube, dass ich diese Würde damals angetragen bekommen habe, weil ich in meinen Büchern und in meinen politischen Bestrebungen als Bürger meines Landes zu einem sehr frühen Zeitpunkt für einen Brückenschlag zwischen beiden Ländern unter damals sehr schwierigen Umständen eingetreten bin."

Der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski sagte der polnischen Nachrichtenagentur PAP: "Es ist bedauerlich, dass ein Mann dieses Formats in mehr als 60 Jahren keine Gelegenheit fand, zu bekennen, dass er als Jugendlicher ein paar Wochen in der Waffen-SS gedient hat, während er die ganze Zeit über andere scharf für ihre Fehler verurteilte." Der Historiker und ehemalige Widerstandskämpfer wurde bei einer Razzia der deutschen SS gegen polnische Intellektuelle 1940 verhaftet und in das KZ Auschwitz gebracht.

Unterdessen gab die Gesellschaft des "Brückepreises" bekannt, am 5. September neu über die Vergabe der Auszeichnung an Grass entscheiden zu wollen. Grass war im März als Preisträger der mit 2500 Euro dotierten Auszeichnung benannt worden. Nach seinem Eingeständnis hatten sich CDU-Politiker gegen eine Vergabe des Preises an ihn ausgesprochen. Die Stadt an der Neiße ehrt seit 1993 Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um die europäische Verständigung verdient gemacht haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören der Musiker Giora Feidman, Bartoszewski und die gestorbene "Zeit"-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff.

Nach Ansicht des französischen Politologen Alfred Grosser hat Grass als unnachgiebiger Kritiker der Nazi-Vergangenheit zu lange zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS geschwiegen. Grass habe im Ausland jahrelang "ein demokratisches Deutschland verkörpert", aber insgesamt auch "ein etwas karikaturenhaftes Bild seines Landes" verbreitet. Daher rühre heute der Schock über die Enthüllung.

Der TV-Moderator Michel Friedman äußerte sich tief enttäuscht. "Ich bin von ihm gerade als deutscher Jude sehr enttäuscht. Für mich waren Menschen wie Grass außerordentlich wichtig, um überhaupt wieder in Deutschland leben zu können", sagte der ehemalige Vizepräsident des Zentralrates der Juden, der 2003 wegen einer Kokain- und Prostituierten-Affäre in der öffentlichen Kritik stand, in einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung".

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