Leerstellen im Gartencenter

- Die sibirische Kälte mag zurzeit die Kachelmänner beschäftigen, wir planen schon mal fürs private Open Air. Mit der Gartenbank "Paradies" (129 Euro), einer Blümchendecke (29 Euro) oder mit dem Flora-Monster "Venus" (985 Euro). Das schnappt zwar nach eitlen Rokokokerlen, um ihnen Wunden und zerfledderte Gehröcke zuzufügen, garantiert aber fürs größte Amüsement in drei Stunden Mozart.

Was dem 19-Jährigen als Auftragswerk für den Münchner Fasching 1775 "glatschen und viva Maestro schreyen" einbrachte, das hat Doris Dörrie nun fürs Salzburger Landestheater ins Kölle/Dehner/Obi-Ambiente verpflanzt. "La finta giardiniera", oder in deutscher Version "Die Gärtnerin aus Liebe", da denkt die Kino-Frau eben sofort an Belegschaftsränke im Gartencenter. Es ist der Salzburger Auftakt zum Mozart-Jahr, quasi eine ausgelagerte Festspiel-Premiere in Koproduktion mit der Mozartwoche. Und es ist - Entwarnung für Dörrie-Geschädigte - eine ihrer besseren Arbeiten.

Wobei sie und Bernd Lepel (Bühne/ Kostüme) der schon vierfach erprobten Strategie treu bleiben: Zuerst kommt der Ausstattungsgag, und ob die schrille Verkleidung fürs Stück nicht doch zu eng wird, ist nachrangig. Das kann zu Totalschäden führen (Münchens "Rigoletto") oder sich im munteren Oberflächen-Surfen erschöpfen (Berlins "Così` fan tutte"). Der jüngste Salzburger Streich fällt unter Kategorie zwei, was aber gar nicht so arg ist: Mozarts Frühwerk verlangt ja noch nicht nach Tiefenbohrungen wie die Da-Ponte-Opern. Doch so dauerlustig, wie Dörrie vorgibt, ist das Verwechslungsdickicht auch nicht, in der Figuren zwar ironisiert, doch nie denunziert werden, in der sich Mozarts Wissen um Leidenschaften und Beweggründe schon längst vor "Così`" und Co. manifestiert.

Passagenweise entfaltet Doris Dörries Arbeit durchaus Charme. Die zur Ouvertüre erzählte, lebensbedrohliche Vorgeschichte, der "Auftritt" Belfiores auf dem Gabelstapler, überhaupt das Spielen mit barocken Versatzstücken im modernen Ambiente, dazu die schmatzende Venusmännerfalle, das alles sind kreative Regie-Preziosen. Überdies wird die Handlung nachvollziehbar - angesichts des verqueren Librettos schon ein kleines Kunststück.

Rotierende Kakteen und tanzende Stiefmütterchen

Dass die Produktion bei den Dagobert Ducks der internationalen Festspielszene passiert, wird ihr freilich zum Verhängnis. Denn irgendwann, zwischen rotierenden Riesenkakteen, tanzenden Stiefmütterchen und anmutigem Pas de trois der Gartenskulpturen, wünscht man dem Team nachträglich eine Budgetkürzung an den Hals. Dann wird spürbar, wie dieser Aktionismus auch ins Leere läuft, wie nur illustriert und verdoppelt wird, wie sich genau die Leerstellen auftun, die Dörries und Lepel eigentlich stopfen wollten.

Immerhin, den Sängern ist anzumerken, welchen Spaß sie am Konzept entwickeln, wie genau die Regisseurin mit ihnen gearbeitet hat. John Graham-Hall (Don Anchise) ist stimmlich und darstellerisch ein sich passend plusternder Filialleiter-Macho, Véronique Gens gibt die mondän stöckelnde Arminda, Adriana Kucerova die nölige, liebeshungrige Kassiererin und John Mark Ainsley den gespreizten Belfiore, obgleich sein stilsicher geführter, jedoch nicht recht aufblühender Tenor nach einem Schuss Vokaldünger verlangt.

Denn nicht durchwegs rangiert dieses Ensemble auf Salzburger Niveau. Ohne Abstriche schaffen das Qualitätssiegel nur der schmiegsam gestaltende Markus Werba (Roberto) und Ruxandra Donose als Schwarzleder-Ramiro: eine Sängerin, die Wohlklang nie dem (starken) Ausdruck opfert und deren intensive Gestaltung ganz ohne Plunder ausgekommen wäre. Fatal, dass ausgerechnet die Titelrolle zu kleinformatig besetzt wurde: Der Sopran von Alexandra Reinprecht (Violante) ist nicht sehr körperhaft und neigt zum Klirren. Tontechnisch geriet sie in der "Turteltaub"-Arie ins Abseits, doch wer will die Nummer schon auf einem schnäbelnden Mega-Vogel absolvieren?

Als habe man die Musik mit dem Teppichklopfer bearbeitet, so wirkte sie beim Mozarteum-Orchester unter Ivor Bolton. Doch war daran nicht nur die Akustik Schuld. Das Landestheater bietet zwar für Instrumente und Sänger fast null Tragfähigkeit, lässt die Töne vielmehr kurz nach ihrem Entstehen wie in Watte stürzen. Dass dem auch abgeholfen werden kann, wurde erst nach der Pause hörbar, als neben dem typischen Bolton-Furor auch Elegantes, Duftiges gelang.

Kurzer Jubel und Mini-Buhs an die Adresse der Regisseurin. Bis zum Festspiel-Sommer wäre ja fürs Regie-Trimming noch ein bisschen Zeit - vielleicht mit der Motorsense (bei Obi 199 Euro)?

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