Die Legende vom Widerstandsverlag

- Noch 1998 hatte der Gütersloher Verlag C. Bertelsmann an die Legende geglaubt: Ein "Widerstandsverlag" sei das Haus gewesen, das von den Nazis 1944 geschlossen worden sei, weil sie die Publikationen als subversiv empfanden und Bertelsmann auf die Meinungsfreiheit gepocht hätte. Thomas Middelhoff bedankte sich mit solchen Worten in New York für den Vernon A. Walters Award für deutsch-amerikanische Beziehungen.

<P>Doch bald wurden Stimmen laut, die es besser wussten. Die Legende war so nicht aufrecht zu erhalten. Verleger Reinhard Mohn und der damalige Vorstandsvorsitzende Middelhoff übertrugen einer unabhängigen Kommission unter der Leitung des israelischen Historikers Saul Friedländer die Aufgabe, die Bertelsmann-Geschichte im "Dritten Reich" zu erforschen. Damit hat das Haus, das seit 1998 mit dem Kauf von Randomhouse auch größter US-amerikanischer Verlag ist, eine Vorreiterrolle übernommen: Als erstes deutsches Medienunternehmen ließ es seine Rolle während des NS-Regimes dokumentieren und gewährte der Kommission bestehend aus Friedländer, dem Historiker Norbert Frei, dem Theologen Trutz Rendtorff und dem Literturwissenschaftler Reinhard Wittmann freien Zugang zum Archiv und zu allen Quellen sowie freihe Hand bezüglich der Forschung und der Veröffentlichung der Ergebnisse.</P><P>So ist es nun wissenschaftlich verbrieft und in dem dickleibigen Band "Bertelsmann im Dritten Reich" im Detail nachzulesen: Der national denkende Verleger Heinrich Mohn und sein konservativ ausgerichtetes, "der Scholle verbundenes" Haus hatten eine weltanschauliche Affinität zum NS-Regime. Anpassungsbereitschaft an den Zeitgeist und ökonomischer Aktionswille taten das Übrige.</P><P>Zunächst mit heimatorientierter, erbaulicher Literatur, dann mit der Massenauflage von Kriegserlebnisbüchern und -heften, der Produktion von Wehrmachtsausgaben und schließlich der Ausrichtung des Programms auf die Lektürebedürfnisse der Soldaten florierte der einst unbedeutende, ursprünglich theologische Provinzverlag. Mit 19 Millionen Exemplaren war er der größte Buchproduzent der Wehrmacht. Geschlossen aber wurde er 1944 wegen Kriegswirtschaftsverbrechen: Man machte ihm den Prozess wegen illegaler Papierbeschaffung, auch im Interesse der ebenso regimetreuen Konkurrenz.</P><P>Neun niederländische Zivilarbeiter hat das Unternehmen in seinem Sitz in Gütersloh beschäftigt, auf Zwangsarbeiter griff man indirekt zurück, da Aufträge ins Baltikum vergeben wurden. Heinrich Mohn, privat für die Bekennende Kirche aktiv, trat 1933 der NSDAP nicht bei, beschränkte sein ideologisches Engagement auf das unternehmerisch und ökonomisch Notwendige wie den Beitritt zur Reichsschrifttumskammer und förderte die Nationalsozialisten mit Summen, die gemessen an anderen Spenden relativ gering ausfielen.</P><P>Insgesamt stellte Saul Friedländer bei der Untersuchung der Persönlichkeit Heinrich Mohns "eine moralische Indifferenz gegenüber den Juden" fest, die aus einem antijüdischen Protestantismus resuliere, im Einzelfall aber nicht verhindert habe, dass er sich gegen die Deportation der jüdischen Frau eines Mitarbeiters einsetzte.</P><P>Konflikte mit der Zensur hatte der Verlag allerdings: "Die Veröffentlichung von Details über die Kriegsführung stießen auf Kritik und allzu christlich gefärbte Passagen, zum Beispiel in einem Buch über den Norwegen-Überfall, missfielen Hitler persönlich", erläuterte Reinhard Wittmann. Er konzentrierte sich auf das belletristischen Segment, das der Verlag seinem bisher "frommen Erbe" 1928 hinzufügte. "Nicht nur mit der Heile-Welt-Unterhaltung westfälischer Provinzautoren, sondern auch ausdrücklich in Beiträgen seiner Zeitschrift ,Der christliche Erzähler trat der Verlag der literarischen Moderne entegegen", so Wittmann. Demnach erfolgte mit der Machtübernahme 1933 kein inhaltlicher Einschnitt.</P><P>Man huldigte der Ideologie, "ohne glühender Nazi zu sein. Vergleichbares in anderen Unternehmen war die Regel", formuliert es der Literaturwissenschaftler. Um nach dem Krieg die Lizenz von der britischen Besatzungsmacht zu bekommen, begann der Verlag, an seiner Legende vom Widerstand zu stricken.</P><P>Der heutige Vorstandsvorsitzende Gunter Thielen akzeptierte bei der öffentlichen Vorstellung der Dokumentation die Ergebnisse als gültige Darstellung der Unternehmensgeschichte. Der Archivbestand der Kommission wird künftig den Kern eines neuen Unternehmensarchivs in Gütersloh bilden. Zunächst ist es aber in München für jedermann zugänglich.</P><P>Saul Friedländer/ Norbert Frei/ Trutz Rendtorff/ Reinhard Wittmann: "Bertelsmann im Dritten Reich." C. Bertelsmann, München. 749 Seiten, 35 Euro. Sowie: "Bertelsmann 1921-1951 Gesamtverzeichnis". 640 Seiten, 20 Euro.<BR></P>

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