Lehrmeisterin Natur

- Ein am Wegesrand bettelnder Veteran erweckt Mitleid, desgleichen ein auf kahler Weide barfüßig stehender Schweinehirt oder ein Bauernpaar an seinem zweirädrigen Maultierkarren. In solchen Aquarellen erweist sich Georg von Dillis in heimischen wie fernen Gefilden (er begleitete Kronprinz Ludwig 1806 bis zur spanischen Grenze) als empfindsamer Realist. In ähnlicher Weise, doch minuziöser in der Ausführung: Wilhelm von Kobell mit dem auf dürrer Anhöhe ermüdet liegenden Bauernburschen vor der Silhouette der Ammerberge und der Stadt Weilheim. Geduldig wacht neben ihm sein vom Karren gelöstes Pferd über seinen Schlaf.

<P>Vorwiegend aus eigenen Beständen komponierte das Schweinfurter Museum Georg Schäfer seine zentrale Ausstellung des Jahres 2003, kuratiert vom einstigen Augsburger Museumsdirektor Bruno Bushart: "Die Entdeckung der Wirklichkeit, Deutsche Malerei und Zeichnung 1765-1815." Besonders reizvoll sind die sonst in den Depots aufbewahrten, unmittelbar in der Landschaft und vor der Person entstandenen Aquarelle und Zeichnungen, von denen manche jetzt erst wissenschaftlich bearbeitet wurden.<BR><BR>Eine Schau vorwiegend aus eigenen Beständen</P><P>"Die Entdeckung der Wirklichkeit ergibt keine strahlende Geschichte", resümiert Bushart. "Das halbe Jahrhundert zwischen 1765 und 1815 war zu gestört, als dass sich die Malerei - von den Schlachtenbildern abgesehen - dem wirklichen Leben hätte vollkommen zuwenden können." Ob das Ende des Siebenjährigen Krieges zwischen Preußen und Österreich (1763) eine stärkere Hinwendung zur Realität herbeiführte oder ob der Geist der Aufklärung nun die Bildenden Künste zu durchdringen begann, wird offen gelassen.<BR><BR>Das Zeichnen und Aquarellieren in der Natur, eine Malerei ohne gedankliche Überhöhung oder Idealisierung, sich Gewissheit verschaffen über einen Gegenstand - das war in den Zeiten des späten Rokoko und des Klassizismus keine Selbstverständlichkeit. Der Begriff des Realismus' erlangte Gültigkeit erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts - seit Courbet, Corot und der Schule von Barbizon. Bushart will in Schweinfurt beweisen, dass die sichtbar erfahrene Wirklichkeit - in ihren jeweils charakteristischen Eigenschaften - von deutschen Malern und Zeichnern bereits zwischen 1765 und 1815 verstanden und interpretiert wurde.<BR><BR>Den Bäumen und Blüten, dem Blattwerk und Felsgeröll, den Wildbächen und Wasserfällen galt die gleiche, stets liebende Sorgfalt der Darstellung wie den Menschen und Tieren: bei den Malern Rohden und Reinhart wie bei Dillis, Kniep und Hackert, bei Wagenbauer oder Christian Wink, der l770 in München die Kurfürstliche Zeichnungsschule gründete, die Vorläuferin der Kunstakademie. Als sensualistische Strömung war die Empfindsamkeit eigentlich der Aufklärung zugehörig.<BR><BR>Vor einem Selbstgenuss des Gefühls wurden sie alle bewahrt durch ihr genaues Naturstudium, durch die Wirklichkeitsnähe ihres soliden Handwerks. Es bedürfe an der Münchner Akademie gar keiner Professur für das Landschaftsfach, meinte Dillis 1826 in einem Gutachten, denn die Natur selber sei der beste Lehrmeister. Doch damit verlor Kobell seine Professur von 1814, auf Betreiben des Klassizisten Peter von Cornelius.</P><P>Bis 2. November. Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Katalog 36 Euro. Tel. 09721/ 519 20.<BR></P>

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