Leichte Wehmut

- Drüben, auf einem kleinen begrünten Hügel, thront eine Pagode aus dem 15. Jahrhundert. Eine Bogenbrücke wölbt sich im Garten, ein künstlicher Wasserfall täuscht Natur vor. Aber beliebt ist diese beschauliche Oase nicht bei Meditationswilligen, sondern vor allem bei Hochzeitsgesellschaften. "Manchmal stehe ich mit meiner Frau am Fenster und schaue mir das an", sagt Zubin Mehta. Die Braut im Kimono, er im Stresemann, Hunderte Luftballons steigen in den Himmel. "Und dann kommt sofort die nächste Gesellschaft."

Abseits vom Tokioter Trubel und weit entfernt von der Staatsopern-Truppe hat der Dirigent sein Quartier bezogen. Am Rande der Innenstadt, mit hauseigenem japanischen Park und luxuriösem Understatement. Mehta gibt sich gelöst und gut gelaunt. Am Abend zuvor trug er auf dem Empfang ein indisches Gewand - erstmals in Gegenwart seiner Musiker, wie erstaunt berichtet wurde. Aber hinter ihm und dem Staatsorchester lag ja auch der bislang größte Erfolg der Tournee: Mahlers dritte Symphonie in der Suntory Hall, in jener Halle also, die von Wolfgang Sawallisch eröffnet wurde, der hier noch immer gottähnliche Verehrung genießt.

Die Dritte ist mittlerweile die Leib- und Magensymphonie des Ensembles. Nach einer Europareise und diversen Münchner Abenden ist diese Tokioter Aufführung schon die 13. innerhalb kurzer Zeit. Die Vertrautheit mit dem Koloss ist zu spüren; dazu kommt, dass die satte, trennscharfe, fast perfekte Akustik schon allein fürs Hör-Ereignis garantiert. In tiefere Dimensionen stößt das Ensemble dann bei Waltraud Meiers "O Mensch" vor; der Schluss-Satz schließlich: ein Ereignis an Streicher-Wohllaut, geschmeidig flutenden Übergängen und üppigen Entladungen - lange Ovationen, am Ende werden Meier und Mehta sogar noch auf die leere Bühne herausgeklatscht.

Mit ihrem GMD kann sich die Staatsoper auf eine in Japan fest etablierte Marke verlassen. Seit 1969 kommt er regelmäßig ins Land des Lächelns. Unter anderem mit dem Israel Philharmonic Orchestra, den Wiener Philharmonikern, eben der Münchner Oper und demnächst mit seinem Maggio Musicale Florenz. Ganz anders, so Mehta, habe anfangs das Publikum reagiert. Als er einmal mit den Israelis im ersten Teil Strawinskys "Petruschka"-Ballett spielte, habe sich zur Pause kaum eine Hand zum Applaus geregt. Der verdutzte Dirigent konnte sich kein zweites Mal verbeugen und fragte daher nach: "Wir wollten Sie nicht stören", so die höfliche Antwort. "Beim nächsten Konzert hat dann eine Dame erklärt, wie man das mit dem Applaus macht", sagt Mehta schmunzelnd. "Und dann sind sie verrückt geworden - Standing Ovations!"

"Jetzt hab' ich hier so viel gelernt, und nun muss ich weg." Zubin Mehta

Umjubelt auch der "Tannhäuser", der für den Saal des Bunkan-Keikan nur geringfügig verändert wurde. Die Bühne ist steiler, sodass beim "Aufzug der Gäste" manch Chorist eher vorsichtig die Rampe betritt. Und der Reichsadler wird dieses Mal von vier japanischen Edelknaben hereingetragen, was merkwürdige politisch-historische Assoziationen weckt, die aber dank eines beherzten "Wolfrrram von Eschnbach, beginnä!" verfliegen.

Mit Robert Gambill (Titelrolle), Waltraud Meier (Venus), Matti Salminen (Landgraf) und Simon Keenlyside (Wolfram) brachte man eine aus München bekannte, solide bis exzellente Besetzung mit, "Neuling" Adrianne Pieczonka fügt sich als intensive, inzwischen dramatisch gereifte Elisabeth perfekt ein. Mit David Aldens diffusem Germania-Kaleidoskop haben die Japaner offenbar keine Probleme - oder behalten sie für sich. Veranstalter Tadatsugu Sasaki indes könnte sich schon eine andere, gefälligere Regie vorstellen. Offiziell verkündet er freilich seine für ihn typischen Maßstäbe: "Eine gute Aufführung - sie ist ausverkauft."

Wann die Münchner wieder nach Japan zurückkehren, ist noch offen. Viel hängt davon ab, ob Sasaki die künftige Marke Staatsoper/ Kent Nagano für einen Kassenschlager hält und welche Stücke das Haus unter neuer Führung anbietet. Zubin Mehta jedenfalls hat so seine eigenen Zukunftsvisionen. Die sind verknüpft mit dem neuen Opernhaus in Valencia, das 2006 mit "Fidelio" eröffnet. Dafür wird ein eigenes Orchester unter der Direktion von Lorin Maazel gegründet, Mehta fungiert als Präsident der Festspiele im Mai/ Juni. Und dafür ist ab Mai 2007 ein "Ring des Nibelungen" geplant, der von La Fura dels Baus inszeniert und von Mehta dirigiert wird.

Beim Rückblick auf seine Staatsopern-Zeit kommt inzwischen, zu Beginn der letzten Saison, leichte Wehmut auf: "Jeden Abend in München denke ich mir: Jetzt hab' ich hier so viel gelernt, und nun muss ich weg." Dies betreffe vor allem die Wagner-Tradition, aber auch die Gepflogenheiten eines Repertoirebetriebes. "Viele meiner grauen Haare kommen von der Unsicherheit: ,Falstaff’ mit nur einer Probe?!"

Eine Saison Pause von München will sich Mehta gönnen, dann kehrt er ans Pult des Staatsorchesters und der Philharmoniker zurück. Ein Ensemble oder Opernhaus leiten, das kommt für ihn nicht mehr in Frage, der Star hat genug vom Administrativen. Was also dann? Da breitet Mehta lächelnd die Arme aus und lehnt sich zurück: "Ich bin ein freier Vogel."

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