Dortmund besiegt "Fluch von Berlin" - Triumph für Tuchel

Dortmund besiegt "Fluch von Berlin" - Triumph für Tuchel

Mit Leichtigkeit

- Es ist "die Idee des Spektakulären, das entspektakuliert wird", die Luc Tuymans umsetzt: Er baut in der Münchner Pinakothek der Moderne eine Arena auf, die im Nichts endet. Vage definierbare Bilder entfliehen in pures Licht, historische Bezüge entgleiten dem Greifbaren, der Gegenstand wird auf Nahsicht zur blanken Hülle. "Normalerweise verbringt der Besucher 15 Sekunden vor einem Bild", so Tuymans.

<P>"Ich versuche, durch das Weglassen der Bilder das noch um 15 bis 20 Sekunden zu steigern." Dem ironischen Belgier gelingt das mit beflügelnder Leichtigkeit. Im Saal 21, in der Rotunde und in den Gängen wird in einer erhebenden Helligkeit seine malerische Entwicklung seit den 80er-Jahren gezeigt, die Wahrnehmung, Erwartungshaltungen und auch Grundwerte subtil erschüttert.<BR>Verblasste Farben scheinen mit der Wand zu verschmelzen. Ein "Crucifix" (1999) verschwindet im Lichtstrahl. Doch es ist nicht die Erleuchtung, sondern es sind die Scheinwerfer bei den Oberammergauer Festspielen, die das Bühnenspektakel und seinen religiösen Gehalt überstrahlen und beides letztlich auflösen. </P><P>Zurück bleibt eine Leerform, eine starre Hülle - wie bei allen religiösen Themen des Zyklus' "Passion". Vorgaben sind immer Bilder, Filmszenen, Prospekte, die unreflektiertes Allgemeingut geworden sind. Tuymans entleert sie in seiner Malerei vollends, um sie dann als Symbol des Mangels und als Aufforderung zur eigenen Deutung neu zu beleben.</P><P>Ausgestopfte<BR>Museums-Affen</P><P>"Das Einzige, was die Malerei machen kann, ist eine Idylle": Zu dieser Auffassung kam der Antwerpener, nachdem er den Terroranschlag auf Amerika miterlebt hatte. Er malte also Stillleben: eine Geranie als farbloses Nichts. Die Serie "Slides" (2002), Dias, die leere Lichtflecken in gestaltlosen Räumen zeigen. Das Verschwinden des Gemäldes, der Abbildung in einer immer weiteren Schattierung von Grau ist die malerische Auflösung der Realität zugunsten gedanklicher Freiräume. Die neueste Serie "Exhibit" scheint auf den ersten Blick wieder mehr Form vorzugeben. Anregung dazu gaben ausgestopfte Affen in einem japanischen Museum in sexuell stimulierten<BR></P><P>Posen. Dieses seltsame Spektakel allerdings verliert sich trotz klassischer Komposition und Erkennbarkeit in milchigen Farben, diffusen Formüberlagerungen und Distanz. Dem Voyeur hält Tuymans vor Augen: "Jede Pornografie endet in einer Riesenabstraktion."</P><P>Auch "Die Zeit" (1988) ist ein Stück bittere, historische Wahrheit, die nie greifbar, aber deutlich spürbar wird. In diesen kleinen Schwarzweiß-Werken bezieht sich der Antwerpener auf Ereignisse der NS-Epoche, die er vollkommen steril, kalt und technoid als Andeutung zeigt. Die zahlreichen historischen und kunsthistorischen Zitate im Werk Tuymans gewinnen nur durch den Abstand, den er der Geschichte entgegenbringt, ein neues und aktuelles Gesicht. So schafft es der Maler, der seinen Ruhm bei der documenta IX und 11 sowie auf der Biennale in Venedig 2001 begründete, dass auch Fotos und Filmstills ins Unscharfe und Unwirkliche entschwinden. Die Arena seiner Malerei würde nicht funktionieren ohne den Betrachter, der das Vage zu fokussieren versucht. In einem Schaukasten, eine Collage hinter halb blinder Folie, demonstriert Tuymans: Auch eine Katastrophe braucht sein Publikum. Dann wird daraus ein Neuanfang.</P><P>Bis 17. August. Katalog: 20 Euro.<BR></P>

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