Vom Leid der Tomate

- Konsumenten-Los: Die Abteilung Schönheit säuselt in geschwungener Damenschrift von wieder herstellbarer Jugend, gegenüber droht das Knabberregal mit körperlichem Verfall, und dazu schreit die Packung billigen Klopapiers aufmunternd "Ja!". Das alles wäre nicht schlimm, denn an Plagen ist der Mensch gewöhnt, und im Supermarkt sind sie immerhin handlich verpackt und anonym zu haben. Schwebte nicht hoch über König Kunde moralisch überlegen der Filialleiter des Supermarktes in der Halle 7 des Münchner inkunst Vereins?

<P>Autorität verschafft ihm nicht etwa die patente Krawatte-Nadel-Kittel-Kombi, sondern vor allem der diabolische Witz, mit dem Matthias Grundig den rotbäckigen Strahlemann spielt und die Gedanken seiner Kunden allwissend durchs Mikro raunt. In Ingrid Lausunds Konsumkritik-Stück "Hysterikon" ist er unter all den gebrochenen Figuren der verlässliche Zyniker, der das Kunden-Verhalten in besonders schweren Fällen mit einer Gratis-"Sch...tüte" honoriert.</P><P><BR>Die böse Komödie "Hysterikon" heißt nicht wegen einiger hysterischer und verzichtbarer Weltverbesserungs-Passagen so, sondern weil sie den Wahnsinn des Marktes, das Überbieten, Übertreiben, daran Überschnappen nachstellt. Dort, wo die fast durchweg starke Schauspielertruppe Lausunds missionarischen Auftrag nicht mit politischer Überkorrektheit erfüllt, ist diese Komische-Kunden-Nummernrevue in der Regie Dirk Englers erschreckend witzig. Wozu auch die sorgfältige Bühnenausstattung Martin Kinzlmaiers beiträgt, der - damit die Promis von gestern frisch bleiben - Zeitschriften im Kühlregal lagert. </P><P>Davor die wahren Dramen: Virtuos grimassiert Isabelle Redfern den Horror des gequält wählenden Kunden. Ariane Rogge als Depressive sucht mit erloschenem Blick und erstarrtem Körper die Nähe der Gefriertruhe. Und unter vielen anderen schön verzerrten Typen der herrliche Psychopath Stefan Rihls, der das Leid der eingedosten Tomaten mitfühlt und den Mais rettet, indem er ihn vor den anderen bösen Kunden versteckt. Wie es weitergeht, kann man im Supermarkt um die Ecke sehen, weniger polemisch, weniger pathetisch, aber auch weniger frech. Christine Diller</P><P>Bis 8. Dezember. Telefon 089/53 29 78 29.<BR><BR></P>

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