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Der Günter Grass von 2009 gibt das Tagebuch des Günter Grass’ von 1990 heraus.

Erlebte Geschichte

Leiden am Ost-"Anschluss"

Günter Grass’ "Tagebuch 1990" beschäftigt sich mit der Wiedervereinigung, mit Kochen, Familie, Dichten und Zeichnen.

Er sei kein Tagebuchschreiber, vermerkt Günter Grass (Jahrgang 1927) am 1. Januar 1990 in seinem Tagebuch. "Es muss schon Ungewöhnliches anstehen, das mich in die Pflicht nimmt."

Und das Wichtige war in diesem Fall die für Grass höchst bedenkliche Wiedervereinigung, die in jenem Jahr zustande kam. Der deutsche "Großautor" positioniert sich also von Anfang an - noch schreibt er in seinem portugiesischen Haus, später im Behlendorfer und dänischen Domizil, in Berlin und auf Reisen - als Zeitzeuge von historischem Gewicht. Zugleich als Mann des Wortes, der durchaus politischen Einfluss nehmen will. Auch das Tagebuch ist kein schlicht-privates, sondern auf Veröffentlichung hin verfasst.

Aber Grass ist ebenso Dichter, Zeichner, Genießer, Gartler und Familienmensch, sodass der Leser von "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland - Tagebuch 1990" auch Familienfeste, ausführlich die Bepflanzung mit Agaven und Kakteen oder das Sammeln von Brombeeren und Äpfeln mitbekommt oder sich mächtige Appetit-Happen auf der Zunge zergehen lassen kann: vom geräucherten Schweinebraten mit französischem Gemüseeintopf bis zu Hammelzungen mit roten Bohnen und viel Knoblauch.

Handwerker Grass ist ganz unverstellt

Dieser Mischung aus Politik und Alltag, aus Groß und Klein, aus Umfassendem und Detail frönt der Schriftsteller in dem Tagebuch genauso wie in seinen Erzähltexten. Nur in den Zeichnungen bleibt er ganz beim Unscheinbaren, ob Schwammerl, ob Kröte, die sich in Unkenrufe Richtung Politik und in den Titel "Unkenrufe" verwandelt. Als Koch, Grafiker und Gärtner ist Grass ganz Handwerker, so liest man aus seinen Eintragungen heraus. Sie sind geradlinig, unverstellt. Wollen nichts, als bloß sein. Hier ruht die wahre Kraft des Künstler-Handwerkers.

Für den Leser ist das nicht sensationell, dafür angenehm erwärmend. Und für Literaturhistoriker eine schöne Quelle. Die werden sich freilich am meisten freuen über die ausführlichen Ideen-Spielereien zum Projekt "Unkenrufe" (erschienen 1992) um Witwe und Witwer, die einen deutsch-polnischen "Heimkehrer"-Friedhof planen. Wer eher den Intellektuellen-Boulevard mit netten Treffen (Theatermann Flimm, Dichter-Kollege Rühmkorf) und satten Sottisen sucht, kommt im "Tagebuch 1990" genauso wenig zu kurz. Oskar (Lafontaine) wird von der moralischen Polit-Instanz Günter Grass - die Mitgliedschaft als 16-Jähriger in der Waffen-SS war noch lange nicht bekannt - gemahnt sowie Björn Engholm. Journalisten wie Augstein, Karasek (Spiegel), Greiner (Zeit) oder Reich-Ranicki und Schirrmacher (FAZ) bekommen ansehnliche Tritte vors Schienbein.

Sehr sympathisch in dem Zusammenhang, wie Grass die damals heftig befehdete Christa Wolf ehrlichen Herzens verteidigt. Natürlich gibt es viele Zusammentreffen mit Kollegen von Erich Loest bis Jurek Becker, aber auch bei Tagungen mit Größen aus aller Welt (von Elie Wiesel bis Nelson Mandela). Hier wird sehr deutlich, dass Günter Grass in der internationalen Wahrnehmung wohl der wichtigste deutsche Schriftsteller war (ist?). 1999 bekam er den Nobelpreis.

Aber wie steht’s um Deutschland und Deutschland in dem Tagebuch? Was der Handwerker-Künstler Grass kann, das genaue, geradezu körperlich spürbare Wahrnehmen, verweigert er beim zugegebenermaßen wilden Zusammenpurzeln von Bundesrepublik und verglimmender DDR. Am 18. Mai 1990 wurde der Staatsvertrag zur Währungs- und Sozialunion geschlossen. Im Sommer wurde über die Staatsauflösung  der   DDR  und  ihren Beitritt zum "Geltungsbereich des Grundgesetzes" (3. Oktober) mit Erfolg verhandelt.

Kalte Distanz  zum "Mangelland"

Der Autor aber sieht nicht, schaut nicht hin, er verbeißt sich in seine Abneigung gegen die Wiedervereinigung. Nach der Schoah sei sie ein Tabu. Es fallen Worte wie "Anschluss", "Kolonialismus", "Schnäppchen" für westliche Geldsäcke oder "Bevormundung". Mit aller Kraft will Grass das zweite Deutschland gegen die bösen Kapitalisten verteidigen. Zugleich ist für ihn die einstige DDR ein "in jeder Beziehung zurückgebliebenes Land", ein "Mangelland".

Seine Besuche dort, die im Tagebuch viel weniger Raum einnehmen, als der Titel suggeriert, absolviert er mit kalter Distanz. Nur zeichnerisch registriert er die aufgewühlte Landschaft des Braunkohle-Tagebaus im Osten. Noch befremdlicher ist, dass er sich nie über die wiedergewonnene Freiheit, den widerständigen Mut der DDR-Bürger oder den unblutigen Umsturz freut.

Alle Befürworter der Wiedervereinigung sind für Günter Grass unverständlich nationalistisch, denn bei ihm löst sie Fluchtgedanken aus: "Will lieber Zigeuner als Deutscher sein. Oder anders entschlossen: vor die Wahl gestellt, Deutscher oder Pole sein zu wollen, zu müssen, hieße mein dritter Weg: Zigeuner, staatenlos, europäisch sein."

Günter Grass:
"Unterwegs von Deutschland nach Deutschland - Tagebuch 1990". Steidl Verlag, Göttingen, 256 Seiten mit Zeichnungen; 20 Euro.

Simone Dattenberger

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