Die Leidenschaft der Kamera

- Zum Abschluss des so harmonisch verlaufenen Filmfestivals gab es am Lido doch noch Streit. Unter Protest verließ Marco Bellocchio, Regisseur des sehr ehrenwerten, wenn auch etwas spartanisch inszenierten Polit-Dramas "Buongiorno, notte", der als einer der Favoriten für den Goldenen Löwen gehandelt wurde, die Lagune. Soeben hatte er erfahren, dass er quasi leer ausgegangen war - die Auszeichnung mit dem Drehbuchpreis kommt angesichts der begeisterten Aufnahme des Films bei Publikum und Kritik einer öffentlichen Ohrfeige gleich.

<P>In Rom gab Bellocchio dann am Abend in TV-Interviews die beleidigte Leberwurst und schimpfte auf die Jury - ein kleiner Skandal am Ende. Tatsächlich waren die Entscheidungen der Jury für die meisten professionellen Besucher unverständlich. </P><P>An elf Tagen hatte man einen guten Wettbewerb verfolgt, der in seinem gleichmäßig hohen Niveau interessanter und abwechslungsreicher war als der des Vorjahrs oder die beiden anderen A-Festspiele Berlin und Cannes. Mit Buhrufen wurde mehr als ein Ergebnis quittiert - und das durchaus nicht allein aus Lokalpatriotismus. Beim russischen Siegerfilm "The Return" von Andrej Swjaginzew handelt es sich um eine symbolüberfrachtete Vater-Sohn-Geschichte in stilistischer Tarkowski-Pose. Der Film strotzt vor offensichtlichen Anspielungen und gefällt sich zugleich in dunklem Getue - bestenfalls unter "typisch russische Mystik" zu verbuchen. Politisch wichtig, aber filmisch banal ist "Le cerf-volant" vom Libanesen Randa Chahal Sabbag, eine Gutmenschen-Story über ein geteiltes Dorf auf den Golan-Höhen. Beide Filme werden schnell vergessen sein.</P><P>Große Vielfalt</P><P>Anders liegen die Dinge bei Takeshi Kitanos "Zatoichi". Ein verdienter Regiepreis. Ein legendärer Schwertkämpfer aus dem 19. Jahrhundert kommt in ein von Verbrechern drangsaliertes Bauerndorf und räumt dort ordentlich auf: "High Noon" auf Japanisch. Kitanos erster Kostümfilm mischt seinen cool-lakonischen Humor mit japanischem Fecht-Stil, also keine poetisch verlangsamte, ins Schwerelose gehobene Kampfkunst wie in chinesischen Filmen, sondern fast unbewegliche, wie am Boden festgewachsene Kämpfer, die ihre Starre nur durch blitzartige Bewegungen unterbrechen. Ehe man erkennt, was geschieht, ist es schon wieder vorbei. Kitano spielt selbst den Part des "Zatoichi". </P><P>Obwohl Festivals keine Olympischen Spiele sind, und Patriotismus - vergleiche Bellocchio - in den Künsten nichts zu suchen hat, darf man auch zwei Erfolge des deutschen Kinos notieren: Der Darstellerpreis für Katja Riemann ("Rosenstraße") geht in Ordnung, auch wenn Naomi Watts ("21 Grams") den viel stärkeren Eindruck hinterließ, denn Riemann überspielt die nicht wenigen Drehbuch-Schwächen von Trottas Geschichts-Melo. Und "Schultze gets the Blues" von Michael Schorr, der im zweiten "Controcorrente"-Wettbewerb den Regiepreis gewann, ist Kino von einer überraschend leichten, sympathischen Seite, ein deutscher Kaurismäki. Endlich einmal keine Geschichte, in der man die Vergangenheit bewältigt oder Kleinfamilien stiftet.</P><P>Generell bot Venedig 2003 große Vielfalt. Vieles kreist um Politik. Zugleich werden die Filme intimer, werden Atmosphären, Beobachtungen, die Gefühle des Zuschauers gegenüber der Handlung wichtiger. Besonders bleiben in Erinnerung: die Leidenschaft der Kamera und die Kinoliebe in Bertoluccis "Dreamers", das blaugraue Leben und eine Eidechse an der Wand im thailändischen "Last Time in the Universe", die Hotelräume und Bill Murrays Sinatra-Imitation in Sofia Coppolas "Lost in Translation", die beklemmend-schöne Zukunftsvision in Winterbottoms "Code 46" - den besten vier Filmen. Wie immer in Venedig fand sich vieles vom Besten in den Nebensektionen: Der "Controcorrente" war zum Teil dem Hauptwettbewerb gleichwertig. Leider wird man nur einiges davon im deutschen Kino sehen können. Vor allem die Macht des Fernsehens lässt "Kleinerem" außerhalb der Videotheken immer weniger Chancen: Selbst Woody Allens Eröffnungsfilm findet wohl wie schon "Hollywood Ending" keinen deutschen Verleih. Ein Grund mehr, nach Venedig zu fahren. </P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare