Leidenschaft und Narzissmus

- 316 Seiten, ein Tag. Und nicht einmal das. Eigentlich sind es nur rund zehn Stunden, die der Leser in John Updikes neuem Roman "Sucht mein Angesicht" mit einer alten Frau verbringt. Zugleich hat er fast an ihrem gesamten Leben teil. Eine einfache, aber doch bisweilen etwas lähmend wirkende Konstruktion hat der Autor seinem Buch zugrunde gelegt, um die Biografie einer Künstlerin und damit einen Abriss amerikanischer Nachkriegs-Kunstgeschichte zu schreiben: Hope Chafetz, fast 80 Jahre alt, wird in ihrem Haus und Atelier in Vermont von der jungen Kunsthistorikern Kathryn interviewt.

<P>So ist dieses Buch das Protokoll eines langen Gesprächs, inklusive seiner Pausen und Hopes unausgesprochenen Gedanken. Und die erzählen vor allem etwas über diese kurze, zweckorientierte Beziehung zwischen ihr und der Interviewerin: Die beiden mögen sich nicht. So sehr die eine die andere bewundert und beneidet - um eine bewegte Vergangenheit oder eine noch formbare Gegenwart.<BR><BR>Hope hat es im Alter als Malerin schließlich selbst zu großer Berühmtheit gebracht. Besonders interessant aber ist sie für die Journalistin als Ehefrau und Geliebte wichtiger Persönlichkeiten der amerikanischen Kunstszene. Denn nach einigen Affären mit ihren Lehrern ist Hope die Ehefrau des selbstzerstörerischen Zack McCoy geworden: Galionsfigur des abstrakten Expressionismus in Amerika. Hope, ihr Privatleben und damit auch ihre Männer sind zwar fiktiv. Aber zum Teil hat ihnen Updike Züge wirklicher Kunst-Ikonen gegeben. Zack etwa gleicht Jackson Pollock, der bei einem Autounfall ums Leben kommt.<BR><BR>Nach seinem Tod heiratet sie Guy Holloway, Star der Pop-Art und hier ein Homunculus aus verschiedenen realen Figuren: Er erinnert - mit seinen Raster-Comics, seinen Happenings, seinem Kommunen-ähnlichen Atelier "Hospice" - an Roy Liechtenstein, Robert Rauschenberg und Andy Warhol. Als Guy seine Frau eines Tages mit drei Kindern zurücklässt, beginnt sie wieder selbst zu malen. <BR><BR>Appell an die Nachwelt</P><P>Ohne dramatische Höhepunkte, Spannungsaufbau oder gestalterische Finessen plätschert das Gespräch dahin. Updike, der selbst einmal Kunst studierte, hat mit "Sucht mein Angesicht" ein unkonkretes, großflächiges Bild gemalt: von einer Frau, wie es sie gegeben haben könnte. Die aber, fast konturlos, sich im Hintergrund dieser amerikanischen Kunstgeschichte aufzulösen scheint. "Sucht mein Angesicht" könnte ihr Appell an die Nachwelt sein, der sie, ein wenig widerstrebend, dieses Interview hinterlässt.<BR><BR>Gesucht wird aber auch durch ihre Erzählung das Angesicht dieser mehr oder weniger erfolgreich malenden Männer. Und in Anlehnung an den 27. Psalm der Bibel meint "Sucht mein Angesicht" vielleicht das schöpferische Streben aller Künstler, deren Leidenschaft und Narzissmus sich in diesem Buch so schön spiegeln. <BR><BR>Interesse für die Kunst, für die Weltwahrnehmung durch das farbempfindlichen Auge des Malers muss der Leser schon mitbringen, um dieser schleppenden Erzählung etwas abgewinnen zu können. Die feine Darstellung der Natureindrücke, die Hope während dieses Tages durch das Fenster gewinnt, ihre Gabe, mit den Fühlern ihrer geschulten Sinne die Atmosphäre zu ertasten, trösten über allzu umständlich rekapitulierte Kunsttheorie hinweg. Aber nicht über diese merkwürdig unangenehme Zweisamkeit der beiden Gesprächspartnerinnen.</P><P>John Updike: "Sucht mein Angesicht". Aus dem Amerikanischen von Maria Carlsson. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg, 316 Seiten; 19,90 Euro. </P>

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