Leinen los fürs Albtraumschiff

- Nur nicht diese Treppe hoch. Denn in der ersten Etage, sieh' nach bei Hitchcock, lauert "es": das Grauen, die metzelnde Mama _ oder eben ein namenloser Käpt'n, der sich frustriert Richtung Parterre bewegt. Schiffe? Nur gerahmt oder als Modell im Angebot. Maritimes bieten allenfalls die Herren im Offiziersgewand oder die Matrosenkleidchen von Senta und Mary. Tragisches im Küstendörfchen wird ersetzt durch Psycho-Schauder im gutbürgerlichen Vestibül: der Küstensturm als Seelenorkan - Leinen los fürs Albtraumschiff.

<P>Wann gab's dies zuletzt am Grünen Hügel? Man muss weit zurückdenken, bis zu Teilen von Harry Kupfers "Ring", sicher jedoch bis zu seinem "Fliegenden Holländer". Mit Claus Guths Deutung der Seemannssaga haben sich die Bayreuther Festspiele nun - nach langer Stagnation - ins Zentrum innovativer Wagner-Pflege katapultiert. Ein kühner, fulminanter Wurf, von der Premierengemeinde heftig gefeiert, Buhs verloren sich schnell.</P><P>Kupfers Lösung, die seinerzeit diese "romantische Oper" als Hirngespinst Sentas deutete, steht hier Pate. Auch Herbert Wernicke, der in München das Stück ins Einheitszimmer sperrte. Doch Guth und sein kongenialer Ausstatter Christian Schmidt, das ist das Aufregende, Eigenwillige und vor allem Riskante, trauen sich weiter. Eine eindeutige Identifikationsfigur wird verweigert, dafür multiperspektivisch erzählt. Das Ergebnis: Wir alle erleben diese Trugbilder, erleben verschiedene Zeit-Ebenen parallel, sehen Senta und gleichzeitig ihre frühkindliche Version samt Modellschiff oder Totenkopf-Puppe, sehen die Spinnerinnen in neckischen Posen tänzeln, Dalands Mannschaft in marionettenhafter Choreographie zucken. Und begegnen dem Holländer als Doppelgänger Dalands, womit die Regie listig die Ähnlichkeiten John Tomlinsons und Jaakko Ryhänens aufgreift. Trotz kurzer Durchhänger im stringent gearbeiteten Konzept: Der Blick saugt sich zweieinhalb Stunden lang fest _ bis Senta an der plötzlich vermauerten Tür hämmert, durch die eben ihr Traummann entschlüpfte.</P><P>Mehr noch als Schauerstorys à` la Poe drängt sich Freud'sche Tiefenpsychologie auf. Symbolisiert durchs raffinierte Bühnenbild, eine horizontale Spiegelung des Erdgeschosses. Und musikalisch-szenisch gipfelnd im Liebesduett Holländer/Senta auf weitem Treppenschwung, während unten Papa Daland dem neugierigen Kind die Geschichte des verfluchten Mannes vorliest: So begann der Wahn. Gerade aus diesem Uneindeutigen und Offenem, aus der nicht linearen Erzählweise, die zum einheitlichen Ambiente kontrastiert, schöpft die Produktion ihre Faszination. Weil sie auch in großer handwerklicher Finesse schildert, dem Publikum aber "nur" Angebote unterbreitet, zum eigenen Deuteln und Denken anregt.</P><P>Guth und Schmidt unterstreichen diese Wirkungen durch geschickte Lichtwechsel, Video-Projektionen von gischtenden Wogen, Ahnungen von Insektenschwärmen oder einer Verdoppelung des Zimmers, bis dem Zuschauer _ ebenfalls verblüffend gezeigt - der Boden unter den Füßen entgleitet. Das Herniederfahren eines gigantischen Gevatter Tod, wohl als Theatercoup gedacht, hätt's also gar nicht gebraucht.</P><P>Marc Albrechts phänomenales Dirigat</P><P>Einziger "Normalo" im schwer traumatisierten Personal ist Erik. Endrik Wottrich, überzeugendster Solist des Abends, spielt ihn als sympathischen, verzweifelten Kraftprotz, dessen viriler, etwas gedeckter Tenor gar Italianità` aufflammen lässt. John Tomlinson ist, obwohl Wagner-Veteran, als Holländer ein Rollendebütant. Er begann stark, mit nachtschwarzer Expressivität. Der Eingangsmonolog: ein Modell an Textauslegung und kluger, facettenreicher Phrasierung. Das Ende: gerade noch rechtzeitig, waren die Kräfte doch fast aufgezehrt. Adrienne Dugger, eine etwas mütterliche Senta mit auf Wagner maßgeschneidertem Sopran, schaffte die höhere Urfassung der Ballade, was den flirrenden Irrsinn des Moments verstärkte. Manch zerfaserte Passage später, auch die sacht verrutschte Intonation in den Spitzentönen waren wohl der Premierenspannung geschuldet. Jaakko Ryhänen (Daland) hatte es als "Alter Ego" Tomlinsons schwer, bot klanglich Wohlgerundetes, Solides. Tomislav Muzek (Steuermann) dürfte man in größeren Partien wiederbegegnen. Eindrucksvoll: Uta Priew als blinde, dadurch umso wissendere Mary. </P><P>Was die Bayreuther Neuproduktion überdies adelt, ist das perfekte Ineinandergreifen von Musik und Szene. Marc Albrecht, der ein phänomenales Debüt-Dirigat lieferte, akzentuierte noch die Schärfen und die Aggressivität der Urfassung, stachelte das Festspiel-Orchester zu dramatischen Zuspitzungen an, auch zu beunruhigend dräuenden Piano-Episoden. Als ob der Deckel des Orchestergrabens fehlte, so konturiert, so genau und kundig wurde die Partitur offen gelegt. Präzision und Textverständnis des Festspielchores schüchterten wie immer ein - auch wenn er am Ende des ersten Akts ins Off verbannt und damit ein klanglich unbefriedigendes Ergebnis erzielt wurde. </P><P>Doch Claus Guth wird ohnehin seine Inszenierung schärfen, muss sie doch mit einem Grundproblem kämpfen: Der "totale" Blick auf einen kollektiven Albtraum erschwert die Tiefenzeichnung der einzelnen Charaktere. Senta, Daland, auch den Holländer könnte man sich plastischer, individueller geführt vorstellen. Aber dafür gibt's ja die "Werkstatt Bayreuth" - in der schon manch fabelhafter Erstversuch zur Regie-Legende reifte.</P>

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