Leipziger Buchmesse optimistisch eröffnet

- Leipzig - Die Leipziger Buchmesse ist am Mittwoch mit Rekordbeteiligung und großem Optimismus der Buchbranche gestartet. Nach einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gehen fast 60 Prozent der Buchhändler von einem guten Jahr aus, sagte Vorsteher Gottfried Honnefelder.

Eröffnet wurde die Messe am Abend mit einem Festakt im Gewandhaus, bei dem der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch den mit 15 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt. In seiner Dankesrede übte Andruchowytsch scharfe Kritik an der Europäischen Union.

Die EU solle der Ukraine eine Perspektive im vereinten Europa bieten, forderte Andruchowytsch laut vorab verbreitetem Manuskript. Im Verhältnis der EU zur Ukraine geschehe aber "genau das Gegenteil von europäischer Verständigung". "Die Europäische Verständigung hat nicht stattgefunden", resümierte der Schriftsteller bitter. Stattdessen gebe es nur Visa-Erleichterungen, die in Wirklichkeit keine seien. Die neuen Visa seien doppelt so teuer wie die alten und erforderten biometrische Daten - die EU wähle einen "bushistischen Weg des Selbstschutzes" mit Fingerabdrücken wie bei Verbrechern.

Der Preis für Europäische Verständigung wird seit 1994 von der Stadt Leipzig, dem Freistaat Sachsen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Die Dotierung wurde um 5000 Euro aufgestockt. Geehrt werden damit Persönlichkeiten, die sich um die Verständigung in Europa verdient gemacht haben. Andruchowytsch wurde für seinen Roman "Zwölf Ringe" (Suhrkamp) ausgezeichnet, mit dem er den Lesern die Augen "für die vergessene Mitte des Kontinents" öffne, so die Jury. Die Laudatio hielt der Schriftsteller Ingo Schulze.

Andruchowytsch zitierte den Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Günter Verheugen, der in einem Interview prophezeit hatte, in 20 Jahren würden alle europäischen Länder EU-Mitglieder sein - mit Ausnahme der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die heute noch nicht in der EU seien. Seine, Andruchowytschs, große Hoffnung auf einen EU-Beitritt der Ukraine habe Verheugen mit diesem einen Satz zunichte gemacht.

Zudem habe die Affäre um die Visa-Vergabepraxis an der Botschaft in Kiew die Ukraine in ein schlechtes Licht gerückt. Den deutschen Intellektuellen warf Andruchowytsch vor, niemand habe öffentlich daran gezweifelt, "dass die ukrainische Gesellschaft wirklich durchweg aus Verbrechern und Nutten besteht, die alle ins heilige Schengengebiet eindringen wollen, um Wohlstand und Sicherheit der Alteingesessenen zu gefährden".

Von Donnerstag bis Sonntag präsentieren 2162 Verlage und Editionen aus 36 Ländern auf fast 53 000 Quadratmetern ihre FrühjahrsNeuerscheinungen. Damit ist die Buchmesse erneut gewachsen. Das begleitende Literaturfestival "Leipzig liest" hat 1800 Veranstaltungen mit 1500 Akteuren an 250 Spielstätten im Programm, so viele wie nie zuvor. Gewachsen ist auch der Hörbuchbereich mit mehr als 120 Ausstellern - darunter alle ARD-Hörfunkanstalten - und rund 100 Veranstaltungen. In der "ARD-Radionacht der Hörbücher" wird zum sechsten Mal der Publikumspreis "HörKules" für das beste Hörbuch 2005 vergeben.

Ein Höhepunkt der Bücherschau ist die nach 2005 zweite Vergabe des mit insgesamt 45 000 Euro dotierten Preises der Leipziger Buchmesse, für den 15 Schriftsteller, Sachbuchautoren und Übersetzer nominiert sind.

Im Rampenlicht steht die junge Literatur. Die zweite Lange Leipziger Lesenacht bietet 40 deutschsprachigen Autoren ein Forum. Erstmals wird auch das Finale der Autorenwerkstatt Prosa des Berliner Literarischen Colloquiums auf der Leipziger Messe ausgetragen. Neben einer Reihe "Jahrhundert-Zeitzeugen" setzen sich im Autorenspecial Literaten aus sieben Ländern mit dem Verhältnis der EU zu potenziellen Neu-Mitgliedstaaten auseinander.

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